Wir haben die erste, wenig erholsame Nacht zusammen mit Telmo hinter uns gebracht und sehen uns mit mit seinen Ängsten konfrontiert.

Jeder Hund, der frisst und trinkt, muss sich irgendwann lösen. Eigentlich kein Problem. Aber Telmo hatte Angst in den Garten zu gehen.

Wurde die Terrassentür geöffnet, hatte er sich sofort in die hinterste Ecke seiner Kudde zurück gezogen. Wir waren darauf vorbereitet, dass er noch nicht stubenrein ist, aber er wollte sich gar nicht in der Wohnung lösen, es bereitete ihm sogar größte Probleme. Nachdem er die halbe Nacht zwischen Flur und Schlafzimmer herum gelaufen war, hatte er erst gegen Morgen im Flur das Bein gehoben. Was macht man mit einem Hund der Angst hat nach draußen zu gehen, sich aber nur unter großen Schwierigkeiten innerhalb der Wohnung lösen kann?

Eine erste, aber wirklich nur notdürftige Problemlösung bestand darin, das Zimmer zu verlassen.

Die ersten beiden Tage war es ihm nur dann möglich.

Sich zu lösen, ist gar nicht so einfach für einen Angsthund

Bei der ersten Gelegenheit hatte ich Pads besorgt die eigentlich für inkontinente Hunde gedacht sind und siehe da, Telmo hatte sie sofort akzeptiert. Trotzdem war es für ihn eine sichtliche Überwindung sich darauf zu lösen, denn anschließend ist er mit gesenktem Kopf und hängenden Ohren zurück in seine Kudde geschlichen. Man konnte ihm förmlich ansehen, wie peinlich es diesem Hund war! Natürlich konnte dieser Zustand keine Dauerlösung sein, also haben wir uns überlegt das Wohnzimmer „ein Stück zu erweitern“. Somit war ein Besuch im Baumarkt angesagt und Sichtschutzmatten wurden gekauft. Damit haben wir einen ca. 6 qm großen Bereich rund um die Terrassentür abgeteilt. Einige Male ist Telmo bis zur Türe und dann doch wieder zurück,

erst beim fünften oder sechsten Anlauf am Tag nach der Montage hatte er sich überwunden, ist vorsichtig raus und hat sich sofort in einer Ecke des abgeteilten Bereichs gelöst.

Unsere Nachbarn haben mit Sicherheit den Felsbrocken gehört der uns in diesem Moment vom Herzen gefallen ist. Und von diesem Tag an machte er nicht einmal mehr in die Wohnung. Nach jeden kleinen Gassiegang kam er mit stolz erhobenen Kopf wieder von der Terrasse rein. Selbstverständlich wurde er von uns sofort dafür belohnt!

Der Hund überfordert uns

Nichtsdestotrotz war uns aber auch klar, dass wir mit Telmos Problematik überfordert waren. Deshalb hatten wir schon mit Ulli, der Hundetrainerin bei der meine Tochter mit Atilla war, telefoniert. Sie wollte Ende der Woche kommen. In den Tagen bis es soweit war, hatte Telmo fast ausschließlich in seiner Kudde gelegen, ist er zum Fressen oder Trinken einmal heraus gekommen, hatte eine Bewegung von mir oder meiner Frau gereicht und er ist auf dem schnellsten Weg wieder rein.

Hilfe von der Hundetrainerin

Dann war endlich der Freitag da. Eineinhalb Stunden war Ulli zusammen mit Barbara bei uns, hat mit uns über Telmos Vergangenheit, seine bisherigen Erfahrungen mit Menschen und Hunden gesprochen. Die Gesichter der Beiden hatten die dann folgenden Worte schon verraten. „Mit Telmo werdet ihr es nicht einfach haben. Ob es gut war einen solchen Hund zu adoptieren? Ein großes Fragezeichen. Ihr müsst ihm Zeit geben, er muss sich erst ein Bild von euch machen, euch einschätzen“.

Und dann ein Satz der uns immer in Erinnerung bleiben wird, ?“der Hund bestimmt das Tempo mit dem es vorwärts geht, ich kann euch jetzt nur den Tipp geben Telmo die Zeit zu lassen die er braucht.“

Ulli wollte sich erst einmal Gedanken machen, wie und womit sie uns und Telmo am besten helfen konnte.

Jetzt erst recht!?!

Viel schlauer waren wir jetzt auch nicht, aber gleichzeitig kam eine “jetzt erst Recht-Stimmung“ in uns hoch. Wir wussten, es wird nicht einfach, aber das bedeutete gleichzeitig auch, es ist nicht unmöglich. Zirka eine Woche war ein Teil unsere Terrasse nun für Telmo abgeteilt gewesen, Zeit um diesen Bereich zu vergrößern.

Der Handwerker in mir

Also los, wieder in den Baumarkt (da fühlen Männer sich sowieso wie zuhause)! Dieses Mal keine Sichtschutzmatten sondern Zaunelemente aus Metall geholt, damit Telmo sich langsam und zumindest optisch an den Garten gewöhnen konnte. Mit dem Bohrhammer ca. 20 Löcher in die Betonpfeiler und Hauswand gebohrt (ich wusste schon immer, der Mensch braucht einen umfangreichen Maschinenpark), Ösen eingeschraubt und die Zaunelemente mit stabilen Kabelbindern und Draht befestigt. Telmo war zuerst gar nicht begeistert, ist nur bis zur Terrassentür gegangen und dann wieder zurück. Aber nach einem dreiviertel Tag war es soweit, vorsichtig ist er raus und sogar zwei oder drei Minuten draußen geblieben. Da es nicht zu kalt war, hatten wir die Terrassentür fast den gesamten Tag auf gelassen und nach und nach ist Telmo immer entspannter raus gegangen und nicht mehr raus geschlichen.

Erste positive Signale

Lediglich Geräusche jeglicher Art hatten gereicht um ihn

Telmo Decke

Bild & Quelle: Christoph Detmer

sofort umkehren und in seine Kudde verschwinden zu lassen. Auch innerhalb der Wohnung hatte es Veränderungen gegeben. Wenn Telmo in seiner Kudde war, konnten wir ihn inzwischen vorsichtig anfassen ohne ein Zittern seines gesamten Körpers auszulösen. Oft haben wir für längere Zeit einfach neben ihm gesessen um ihn an uns zu gewöhnen. Teilweise sind wir sogar, wenn Telmo nachts unruhig wurde, aufgestanden, haben uns Kissen und Decken mitgenommen und uns vor seiner Kudde hingelegt, damit er unsere Nähe spüren konnte, denn das beruhigte ihn. So langsam wurden wir durch diese kleinen Erfolge zuversichtlich, bis zu unserem geplanten Nordseeurlaub im August einen relativ entspannten Hund an unserer Seite zu haben. Immer wieder sind wir in dieser Zeit auf Telmos Fortschritte angesprochen worden und mehr als einmal sind wir auch gefragt worden, ob wir den Hund nicht lieber an den Tierschutz zurück geben wollten. Immerhin würde er doch sehr viel Arbeit machen. Und immer noch nicht raus zum Gassie gehen wollen, wie furchtbar, das geht gar nicht! Wir haben sogar erfahren, dass ein Hund wieder ins Tierheim gebracht wurde, weil er nicht nur Arbeit gemacht hatte, sondern auch „noch nicht einmal stubenrein“ war.

Was denken die Leute sich eigentlich?

Antje und ich wussten nicht, was wir dazu sagen sollten. Gibt es tatsächlich Menschen, die einen Hund mit dem Aufnäher „Spülmaschinenfest und bügelfrei, 2 Jahre Garantie“ erwarten? Für uns jedenfalls war klar, wir hatten Telmo gewollt, nicht er uns, er war nie gefragt worden. Es war nicht die Frage ob er der richtig Hund für uns, sondern ob wir die richtigen Menschen für ihn waren. Wir hatten uns vorgenommen, das zu tun was notwendig war um Telmo zu helfen, ein normaler Hund, ein Hund mit Lebensfreude zu werden.

Erste Ideen, wie es weitergehen kann

Zwei Wochen nach ihrem Besuch hatte Ulli uns angerufen und uns ihr Konzept, wie wir Telmo helfen könnten, vorgestellt. Da er die ersten neun Monate seines Lebens in einem von wahrscheinlich mehreren Rudeln auf dem Schrottplatz gelebt und in dieser Zeit Menschen lediglich als Bedrohung kennen gelernt hatte, sollten uns jetzt Hunde dabei helfen, ihm seine Ängste zu nehmen.

Ulli hatte dabei ganz konkrete Vorstellungen wie der vierbeinige Helfer sein müsste und sich für Atilla, den Hund meiner Tochter entschieden. In der Hundeschule hatte er sich als unbedarft und anderen Hunden gegenüber absolut friedlich gezeigt. Da er aber erst eine Borelliose-Erkrankung verdauen musste, würden noch zwei oder drei Wochen vergehen. Die Zeit bis es soweit war hatten wir u.a. dazu genutzt, das Gitter um die Terrasse zu entfernen.

Ab in den Garten!

Nach ersten, noch sehr vorsichtigen Versuchen hatte Telmo den Rasen betreten und nach und nach den ganzen Garten erkundet. Antje und ich waren glücklich, endlich hatte er ein weiteres Stück Lebensqualität gewonnen, auch wenn er eigentlich nur in den Garten gekommen ist um sich zu lösen. Es war in unseren Augen nur ein kleiner Fortschritt aber immerhin ein Fortschritt. Auch hatte er ständig ein Halsband um und auch immer wieder ein Geschirr, schließlich sollte er sich daran gewöhnen.

Nur die Leine war vom ersten Tag an immer noch ein großes Problem, solange er angeleint war, ist er völlig bewegungslos in seiner Kudde geblieben, manchmal über mehrere Stunden.

Atilla – der Retter?

Dann war es soweit, Ulli ist mit meiner Tochter Annkathrin und Atilla gekommen. Zuerst gab es ein paar Hinweise. Die Terrassentüre sollte ganz auf sein, damit es für Atilla, bzw. Telmo eine Ausweichmöglichkeit geben würde. Wir sollten uns zurück halten und Ulli würde ein Auge auf die Körpersprache der Beiden haben um notfalls eingreifen zu können. Meine Frau und ich waren, so glaube ich, nervöser, als unser Hund! Dann hatte sie Atilla geholt und im Flur abgeleint. Als Telmo ihn gesehen hat, ist er zwar in seiner Kudde geblieben, hat ihn aber (für unsere Augen) neugierig bis skeptisch beobachtet. Atilla ist vorsichtig ins Wohnzimmer gekommen und in einem großen Bogen an Telmos Kudde vorbei gelaufen.

Dann hat er sich kurz umgesehen, ist in einem Bogen auf Telmo zu gegangen und hat an der Kudde das Bein gehoben.

Uns ist das Gesicht in Scheiben gefallen. Wir wissen auch, dass man Hunde nicht vermenschlichen soll, aber anderes als völlig konsterniert konnte man Telmos Gesichtsausdruck nicht beschreiben. Danach ist Atilla raus in den Garten und hat sich nicht mehr für Telmo interessiert. Was hatte dieser Besuch gebracht? Zum ersten Mal seit Telmo bei uns war, hatte er etwas gemacht, was für Hunde eigentlich ganz normal ist.

Nachdem Atilla wieder weg war, ist Telmo für mehr als eine halbe Stunde in den Garten verschwunden und hatte die Nase fast ununterbrochen auf dem Boden. Er hat an jedem Grashalm gerochen, jeden Millimeter von Atillas Weg abgeschnüffelt, hat jede von Atllias reichlichen Markierungen peinlich genau untersucht.

Ist es Liebe?

Zwei Tage nach Atillas Besuch war ein ganz besonderer Tag. Als wir von der Arbeit nach Hause gekommen sind, kam Telmo uns zu ersten Mal wedelnd entgegen und hatte sich außerhalb seiner Kudde streicheln lassen. Es war für uns ein sehr emotionaler Moment. Von dem Tag an kam Telmo auch öfters aus seiner Kudde, wurde neugieriger auf die Welt um ihn herum und hatte sich zwischendurch sogar auf eine Decke im Wohnzimmer gelegt.

14 Tage später Atillas zweiter Besuch. Kein Bein heben an Telmos Kudde, nein, Atilla schnappt sich ein Spielzeug von Telmo, läuft damit wie von der Tarantel gestochen durch Wohnung und Garten, wirft es dann genau vor Telmo auf den Boden und geht ein paar Schritte zurück. Als Telmo nicht reagiert, versucht er es nochmal. Als wieder keine Reaktion kommt, spielt Atilla alleine und ignoriert Telmo. In der Woche danach dann urplötzlich eine Änderung bei Telmo. Als meine Frau und ich im Garten sind, kommt Telmo plötzlich mit einem Spielzeug zu uns, lässt es vor uns fallen und läuft wieder ins Wohnzimmer. Auch mit meiner Schwester, die sich, seit er zu uns gekommen ist, jeden Vor- und Nachmittag ca. 3 bis 3,5 Stunden mit ihm beschäftigt, wollte er plötzlich spielen. Wir wurden richtig euphorisch, Telmo schien langsam aufzutauen.

Wenn zwei sich streiten, tut es dem Herrchen weh

Dann der 3. Besuch von Atilla. Telmo war überhaupt nicht begeistert und hatte schon direkt zur Begrüßung deutlich vernehmbar geknurrt. Atilla war davon völlig unbeeindruckt und hatte lediglich einen größeren Abstand gehalten. Wir haben auf der Terrasse gesessen, als plötzlich ein lautes Knurren und dann Telmos Bellen zu hören war. Im gleichen Moment kam Atilla zur Terrassentüre gesprintet, ist abgesprungen und nach einer außergewöhnlich ästhetischen Flugbahn von ca. 1,5 bis 2 Metern sind gute 24 Kg verschüchterter Pitbull auf meinem Schoß eingeschlagen – wenn ich nur wüsste, welcher Urologe gerade Notdienst hat!

Und so kamen Chui und Luna dazu…

Ulli hatte danach gemeint, ein anderer, weniger aufdringlicher Hund wäre vielleicht besser geeignet, sie hätte auch schon eine Idee. Eine Woche später ist sie in Begleitung von Chui, einer jungen Labradorhündin und deren Haltern gekommen. Die Bilder zeigen bestimmt mehr als Worte.

Telmo mit Chui 1

Telmo und Chui…
Bild & Quelle: Christoph Detmer

Telmo mit Chui 2

…nähern sich an…
Bild & Quelle: Christoph Detmer

Telmo mit Chui 4

…es geht doch!
Bild & Quelle: Christoph Detmer

Nach einem weiteren Besuch hatten die Halter leider keine Zeit mehr und Luna (Boxermischling, Weibchen) war an der Reihe. Sie war völlig relaxt und ist super auf Telmo eingegangen. Zum aller ersten Mal war seine Neugier größer als seine Skepsis. Er ist sogar in den Garten gekommen, um Kontakt zu ihr aufzunehmen.

Telmo mit Luna

Telmo mit Luna Bild & Quelle: Christoph Detmer


Seit den diversen Besuchen von anderen Hunden hatte Telmo unsere Wohnung scheinbar als sein Revier angesehen. Hatte er vor dem ersten Besuch von Atilla seine Kudde noch hauptsächlich als „sicheres Versteck“ genutzt, so war sie seit den Besuchen der anderen Hunde nun zusätzlich eine Art Beobachtungsstation. Besonders abends hatte er (der Überbau war inzwischen entfernt) seinen Blick ständig zur Wohnungstüre gerichtet. Jedes Klingeln hatte heftiges Bellen zur Folge und im Garten hatte er regelrechte Kontrollgänge unternommen. Auch meiner Frau und mir gegenüber hatte er sich geändert, Telmo empfand Kraulen auf einmal als sehr angenehm, das Bürsten fand er zwar schon immer entspannend, aber jetzt war es eine richtige Wellness-Behandlung von der er nicht genug bekommen konnte und wenn wir uns neben seine Kudde gesetzt und einfach nur die Hand auf seinen Nacken oder Rücken gelegt hatten ist es regelmäßig vorgekommen, dass er eingeschlafen ist.
Telmo Sofa

vielleicht kommt und streichelt mich nun jemand…?
Bild & Quelle: Christoph Detmer


Nur in Bezug auf die Leine hatte es leider keine Änderung gegeben. Immer noch hatte er panische Angst davor. Dass war auch der Zeitpunkt an dem wir uns entschieden hatten, noch einen weiteren Profi zu Rate zu ziehen. Also haben wir das Internet bemüht und nach Hundetrainern gegoogelt. Toll, eine Stunde Erstgespräch, danach ein Trainingsplan und das Ganze sollte 500 Euro kosten. So hatten wir und das nicht vorgestellt, wir wollten eine enge Trainer-/Halter-/Hund-Beziehung, bei der auch kleine Änderungen erkannt und in das Training einbezogen werden. Auch Trainer die von dem Mensch als dominanten Rudelführer und einem devoten Hund gesprochen haben, kamen für uns nicht in Frage. Wir wollten eine Mensch-/Hund-Beziehung die auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt aufbaut, bei der die Bindung der Grundstein ist und kein blinder Gehorsam militärischer Natur. Wenn es um „Gehorsam“ geht, sollte Telmo gehorchen weil er uns vertraut und nicht weil er sich eingeschüchtert unserer Dominanz beugt. Schließlich waren wir auf Vera gestoßen, ihr Konzept und ihre Trainingsmethoden kam unseren Vorstellungen am Nächsten.

In der nächsten Folge geht es um Telmos erste Bekanntschaft mit der Tierärztin, 8 Hausbesuchen von Vera und 117 Mails.

Ein Gastbeitrag von Christoph Detmer.

Alle Bilder & Quellen: Christoph Detmer