Ohne Namen und ohne Gesicht

Ohne Namen und ohne Gesicht

Ich gehe durch die Fußgängerzone nicht weit von meiner Wohnung. Ich trage eine Mütze, meine ganz typische grüne Mütze. Auch meine Winterjacke ist, auf Grund der winterlichen Temperaturen, in den letzten Monaten zu einem Teil von mir geworden. Ich schlendere die Straße hinunter, blicke nach vorne und sehe in ein leeres Gesicht. Das Gesicht ist das einer älteren Dame. Ich kenne sie. Wir treffen uns mindestens einmal die Woche. Nicht hier. Wir treffen uns auf der Wiese, im Park oder im Wald und immer sind unsere Hunde dabei. Ich bin mir sicher, sie erkennt meine Hunde, ich würde sogar sagen, sie weiß wie die beiden heißen. Vielleicht erinnert sie sich sogar noch daran, wo die beiden herkommen. Doch mich kennt sie nicht. Ohne meine Hunde bin ich für sie nur ein Mensch von vielen, eine Gestallt ohne Gesicht. Ich kenne das schon.

Ist man ohne seine Hunde unterwegs wird man zum Niemand.

Ich gehe nach Hause und erzähle von meiner Begegnung, erzähle, dass mir sowas nicht zum ersten Mal passiert ist. Bei manchen Menschen erkennt man richtig die Anstrengung in ihren Gesichtern. Sie überlegen, doch können sie den, der gewöhnlich am uninteressanten Ende der Leine hängt nicht einordnen, wenn er seine Erinnerungsberechtigung nicht bei sich hat. Aber egal, ich bin da ja ganz anders und wundere mich über dieses Verhalten. Ich beschreibe die ältere Dame mit allem was mir einfällt. Mir gegenüber sehe ich ein verwirrtes Gesicht. Erst als ich meinen Erläuterungen hinzufüge: „Mensch, die kennst du doch auch. Die mit der kleinen Dalmatiner Mischlingshündin, die schon so alt ist, aber immer noch irgendwie wie ein Welpe aussieht!“ erhalte ich als Antwort: „ Ja klar, Kira, die kenne ich!“

Hund am BaumBildangaben: Bild & Quelle: Nadine Brandt

Bild & Quelle: Nadine Brandt

Ich frage mich, wie oft bei uns schon Gespräches Fetzen wie: „Hier, der mit der Glatze, der immer die blaue Leine dabei hat.“ „Die mit dem Pudel, der immer springt.“ „Die Blonde mit dem Schäferhund“ oder auch einfach „Das Frauchen von…“ die Identität einer Person geklärt haben.

Sind Hundehalter gesichtslose Wesen?

Wie oft bin ich wohl schon nichtsahnend an anderen Hundehaltern vorbei gegangen, weil sie für mich einfach gesichtslose Wesen waren?
Doch es gibt nicht nur die Gesichtslosen unter den Hundemenschen, die ohne Namen sind für mich ein noch viel bekannteres Phänomen. Wie viele Leute von der Hunderunde erkenne ich auf Anhieb, ich habe sie schließlich schon 50 Mal gesehen, doch ihre Namen kenne ich nicht.
Wenn man sich mehrmals wöchentlich zufällig trifft, redet man über alles, alles was die Hunde betrifft. Wie gut sie sich verstehen, wen sie nicht so mögen, welche Hunde man sonst so hier trifft, wen man lange nicht gesehen hat und vielleicht auch über Lieblingsfutter und das beste Kauspielzeug. Doch die Vorstellung der Zweibeiner bleibt oft auf der Strecke. Wie oft beginne ich Sätze mit: Das Frauchen von Milo, Nelly, Susie, Ashley, das Herrchen von Maja, Lucy, Rocky oder Ben.

Ich muss mich wohl damit abfinden, dass ich ohne meine Hunde, für so manch einen flüchtigen Bekannten mein Gesicht einbüße. Doch ich weiß, ihnen ergeht es kein Stück besser.
Für uns Hundemenschen zählt nun mal der Hund. Und auch wenn wir von den Menschen, die wir so oft sehen, nicht die Namen kennen wissen wir doch genau, welchen Hunden es bei ihren Menschen gut geht.
Ich für meinen Teil kann sagen, einige der besten Unterhaltungen in den letzten zweieinhalb Jahren, hatte ich mit Menschen, die mir vorher nie begegnet sind, ohne ihre Namen zu kennen über ein Thema bei dem wir uns einig waren.

Ein Gastbeitrag von Nadine Brandt, die auch folgende Seite betreibt: https://www.facebook.com/hundsgemeineliteratur sowie http://hundsgemeine-literatur.de

Alle Bilder & Quellen: Nadine Brandt