Tito – warum das Herumdoktern alles schlimmer macht

Tito – warum das Herumdoktern alles schlimmer macht

Heute möchte ich euch von einem Fall berichten, den ich vor einiger Zeit bearbeitet habe. Ich habe die Überschrift „warum Herumdoktern alles schlimmer macht“ gewählt, weil ich über ein häufiges Problem berichten möchte, dass mir in meiner Arbeit als Tierpsychologin unterkommt. Nicht etwa ein bestimmtes Problemverhalten des Vierbeiners, sondern die Tatsache, dass die meisten Menschen sich erst an einen Tierpsychologen wenden, wenn sie schon zig andere Lösungsversuche unternommen haben. Der Weg zum Tierpsychologen oder auch Verhaltensberater ist oft der letzte Versuch, die Probleme mit dem Vierbeiner in den Griff zu bekommen. Dieses „Herumdoktern“ in verschiedene Richtungen, erschwert meinen Kollegen und mir oft die Arbeit, denn wir müssen die missglückten Trainingsexperimente ausbügeln.

Die Vorgeschichte

Tito, ein 2 jähriger Schäferhund-Mix, zieht sein Herrchen, Jörg, bei jedem Spaziergang wüst durch die Gegend. Jörg reagiert darauf ziemlich genervt und ruckt seinerseits an der Leine. Ein entspannter Spaziergang ist somit nicht möglich und beide zeigen starke Stressanzeichen. Als Tito ein halbes Jahr alt war, besuchte Jörg mit ihm eine Hundeschule. Dort lernte Tito auch, „bei Fuß“ zu gehen. Das klappte mehrere Monate auch ziemlich gut, bis Tito nur noch auf dieses Kommando reagierte, wenn keine Ablenkung vorhanden war. Wenn Jörg jetzt mit Tito durch den Park ging, hielt er die Leine kurz, und unterstützte das „bei Fuß“-Kommando mit dem rucken an der Leine. Kamen den beiden nun andere Hunde, Radfahrer, Jogger oder rennende Kinder entgegen, reagierte Tito aggressiv. Er sprang an der Leine hoch, bellte und versuchte zum dem auslösenden Objekt zu gelangen. Jörg hatte in solchen Situationen große Schwierigkeiten Tito noch zu halten. Von einem Bekannten bekam Jörg den Rat, Tito ein Kopfhalfter, ein sogenanntes Halti, umzulegen. Da man diese in jedem Tierfachgeschäft kaufen kann, besorgte Jörg sich sofort eines, zog es Tito direkt an und probierte es aus. Anfangs war Jörg sehr zufrieden, denn Tito reagierte nun auf jeden Ruck von Jörg eingeschüchtert und lief langsamer. Einige Wochen lang war das Halti nun ständiger Begleiter bei den Spaziergängen. Eines Morgens trafen Tito und Jörg unverhofft auf Titos „Erzfeind“, einen Husky-Mischling aus der Nachbarschaft. Wieder began Tito an der Leine zu randalieren, auch der Husky-Mischling reagierte aggressiv. Als Jörg Tito am Kopfhalfter herumriss, machte Tito einen Satz und biss Jörg in den Unterarm. Jörg trug ein paar Kratzer und einen dicken Bluterguss davon. Nach diesem Vorfall beschloss Jörg, sich tierpsychologische Hilfe zu holen.

Das Training

Das Problem in diesem Fall, ist nicht etwa, dass Tito nicht an der Leine laufen kann oder aggressiv an der Leine auftritt.

Das alles sind nur Symptome des eigentlichen Problems und das beginnt auf der Beziehungsebene der Beiden.

Tito hat überhaupt keinen Respekt vor Jörg. Nicht nur, dass er ihn durch die Gegend zieht und somit Richtung und Geschwindigkeit bestimmt, er maßregelt ihn auch noch für sein „Fehlverhalten”. Der Biss war dabei nur eine letzte Konsequenz aus einer langen Reihe an Maßregelungen wie z.B. das Anspringen und in die Hand schnappen wenn Jörg mit ihm joggen ging (weswegen Jörg dies inzwischen nur noch ohne Hund tat). Außerdem kontrollierte Tito Jörg indem er ihm im Haus ständig nachlief und kontrollierte jede auftretende Situation, was sich in der Leinenaggression zeigte. Doch auch Besucher im Haus bellte Tito an und versperrte ihnen den Weg.

Die Situation an der Leine hatte sich im Laufe der Monate so ritualisiert und durch den Gegendruck von Jörg gesteigert, dass Tito immer aggressiver wurde.

Hinzu kam, dass Tito keinerlei Auslastung hatte, da Jörg ihn niemals von der Leine lies, weil Tito dann seiner Wege ging. Dadurch hatte sich bei Tito ein enormer Frust aufgebaut, den er zusätzlich in der Leinenaggression abließ.

Für das Training waren nun drei Punkte wichtig:

1. Die Beziehungsebene: Jörg muss sich den Respekt und die Anerkennung von Tito verdienen

  • Ressourcenkontrolle (Futter und Spielzeug nicht mehr zur freien Verfügung, der Hundekorb wurde an eine strategisch ungünstige Stelle verlegt, einige Räume wurden zur Tabuzone erklärt)
  • Tito von seiner Wichtigkeit entlasten (ihn mehr ignorieren, nicht mehr auf seine Forderungen eingehen, das Kontrollieren im Haus durch Tabuzonen und dem Schließen von Türen hinter sich unterbinden, ihn bei Besuch zunächst wegsperren)
  • Jörg soll sich souveräner und konsequenter verhalten, Beginn und Ende der Kontaktaufnahmen und Spieleinheiten bestimmen

2. Die natürlichen Bedürfnisse befriedigen: Tito körperlich und geistig mehr auslasten

  • Erarbeiten von Futter (Futtersuchspiele, Arbeit mit dem Futterbeutel)
  • tägliche Besuche einer eingezäunten Hundefreilauffläche (Auspowern durch Rennen, Sozialkontakte ermöglichen)
  • Arbeit mit der Reizangel

3. Grundgehorsam verbessern

  • konsequent sein
  • Übungen Schritt für Schritt aufbauen (Ablenkungen langsam steigern, Kommandos nicht in Situationen geben in denen die Ablenkung noch zu groß ist)
tito reizangeltrainingBildangaben: Bild & Quelle: Birte Drescher

Hund beim Reizangeltraining
Bild & Quelle: Birte Drescher

Schon nach kurzer Zeit reagiert Tito aufmerksamer auf die Forderungen von Jörg die beiden entwickeln auch wieder Spaß an gemeinsamen Spielen. Nach einem halben Jahr intensiven Trainings, ist aus den beiden ein tolles Team geworden. Tito hat gelernt, dass Jörg den Alltag und die Situationen regelt, dadurch (und durch die Mehrauslastung) ist Tito wesentlich entspannter geworden. Inzwischen bekommt Tito auch Auslauf ohne Leine, da er gelernt hat, dass es sich lohnt, auf den Rückruf von Jörg zu reagieren. Für Jörg geht das tägliche Training weiter. Bleibt er nicht konsequent, wird das Verhalten von Tito wieder einreißen.

Fazit

Hätte man bei diesem Beispiel nur an der Leinenführigkeit gearbeitet, hätte das langfristig zu keinem Erfolg geführt und Titos Leinenaggression wäre auch in anderen Situationen im Alltag verstärkt aufgetreten. Um so arbeiten zu können, muss ein Tierpsychologe nicht nur das Ausdrucksverhalten des Tieres verstehen, sondern auch die Wechselwirkungen zwischen menschlichem und tierischem Verhalten. Außerdem ist es wichtig, zu verstehen, welchem Zweck das jeweilige Verhalten des Tieres dient und welche Bedürfnisse es hat um dann die Bedürfnisse des Tieres und die seines Halters auf einen Nenner zu bringen und in die Alltagsstruktur einzuflechten. Um es mit Martin Rütters Worten zu sagen: „Ich trainiere Hunde – aber vor allem ihre Menschen“.

Ein Gastbeitrag von Birte Drescher, von Animal Minds

Alle Bilder & Quellen: Birte Drescher