Aus dem Leben einer „Hundefriseurin“

Aus dem Leben einer „Hundefriseurin“

Schon als Kind wollte ich Tierärztin werden. Gelandet bin ich im Einzelhandel und bei Gericht – nein, nicht was Sie jetzt denken. Ich war Justizangestellte. Eigentlich wollte ich nie im Büro arbeiten. Und irgendwann wollte ich dann auch etwas Eigenes machen. Am liebsten:

  • was von zuhause aus,
  • bei freier Zeiteinteilung
  • und was mit Tieren.
  • Das waren ja drei Dinge auf einmal… das ging nun wirklich nicht. Doch es ging!

    Meine Tante ging mit ihrem Bobtail Rudi immer zum Hundefriseur. Als sie sagte „Das wäre auch was für dich“ habe ich nicht lange überlegt und ihre Hundefriseurin angerufen. Diese erklärte: Ich könne gerne einmal vorbeikommen um zu sehen ob es mir Spaß machen würde.

    Mir gefiel es sehr gut und so fuhr ich nach der Arbeit regelmäßig zu ihr um den Beruf zu lernen.

    Ihr kam es auch gar nicht ungelegen da sie aus Gesundheitsgründen eh aufhören wollte. Und in der Nähe gäbe es niemanden vergleichbares.

    Eröffnung meines eigenen Hundesalons

    Nach 3 Monaten war ich bereit um offiziell auf die Hundewelt losgelassen zu werden. Ich eröffnete meinen eigenen Hundesalon. Was natürlich toll war: Ich konnte die Kundschaft übernehmen. Mein Mann hatte in der Zwischenzeit im Keller (der über eine Außentreppe verfügte) meiner Eltern die Waschküche in einen Hundesalon umfunktioniert. In der Zwischenzeit besuchte ich außerdem verschiedene Hundeausstellungen lernte noch mehr über die verschiedenen Rasseschnitte und informierte mich auf der Messe über die neuste Technik.

    Die ersten Kunden

    Die Badewanne ließ ich mir extra anfertigen für die Maße stand Bobtail Rudi Modell, der auch einer meiner größten Kunden wurde. Meine erste Kundin war Susan. Eine 5-jährige Pudel Mischlingsdame. Mit ihr hatte ich gleich Glück. Ein ganz braver Hund. Ihr Frauchen betitelte sich selbst als Mama, Herrchen war Papa und ich war die liebe Tante. Mama sagte zu Susan: „Du bleibst schön bei der lieben Tante, die Mama und der Papa gehen jetzt einkaufen und holen dich dann wieder ab.§ Nach eineinhalbstündiger stündiger Schneide- und Badeprozedur wurde Susan wieder abgeholt und Muttchen und Vati waren äußerst zufrieden.

    Wie frisiert man eigentlich 70 kg schwere Hunde?!

    Ein heikler Fall waren die beiden Neufundländer die ich baden und entfilzen sollte. Ich engagierte zur Verstärkung eine Freundin. Ein Hund hatte etwa 70 kg und den bringt man nicht allein in die Wanne und wieder raus. Der erste war ziemlich verfilzt aber ganz lieb und etwas ängstlich. Wir hievten ihn in die Wanne. Der Hund zitterte vor lauter Angst am ganzen Körper und setzte sich gleich hin – auf das Loch für den Wasserablauf. Beruhigend sprach ich auf ihn ein, während der Wasserspiegel langsam stieg. Er wurde eingeschäumt und abgebraust.

    Er war jedoch vom Abfluss nicht wegzubewegen, als uns dann auch noch ein bekannt strenger Geruch in die Nase stieg. Die Hoffnung er hat nur gepupst wurde nicht bestätigt.

    Die Bescherung in Form eines schönen Haufen fing an, sich langsam in der Wanne, mit dem inzwischen doch sehr hohen Wasserpegel, zu verteilen. Super. Mit Schippe und Kehrbesen fischte ich im Wasser und versuchte größeres Übel zu verhindern. Damit war also auch die Wanne eingeweiht.

    Meine Freundin konnte sich vor Lachen kaum einkriegen, aber das sollte ihr schon noch vergehen. Eingewickelt in Badetücher wuchteten wir die Hundedame wieder auf den Tisch und föhnten sie trocken. Sie sah wirklich wieder toll aus und das Fell glänzte. Ich ging kurz raus, da hörte ich meine Freundin laut um Hilfe rufen. Ich rannte zu ihr und dachte noch für mich: Der Hund hat vor Aufregung hoffentlich jetzt nicht doch noch einen Herzinfarkt bekommen aber, breitbeinig stand die Neufundländerin auf dem Boden, am Halsband gehalten von meiner Freundin und pieselte. Was heißt pieselte – ergoss sich sintflutartig auf den Boden. Man glaubt gar nicht, wie viele Liter in so einem Hund drin sein können. Also erneute Putzaktion. Der Geruch war absolut penetrant. Wir rissen Fenster und Tür auf um erst mal zu lüften. Im Anschluss brachte der Besitzer den anderen Hund und war etwas peinlich berührt. Mit der zweiten Madame hatten wir es etwas einfacher. Das Trinkgeld viel aber entsprechend positiv aus.

    Kein Platz für Illusionen – manchmal kommt auch Rambo vorbei!

    Ein Hundesalon ist so manches Mal Dreck- und Schwerstarbeit und kein leicht verdientes Geld. Die Haare hat man wirklich überall, selbst im BH. Und im Sommer, wenn man dazu noch schön schwitzt bleiben sie auch noch im Gesicht und Hals kleben. Besonders wenn man einen Schnauzer geschoren hat. Lecker. Apropos Schnauzer: Rambo war ein Mittelschnauzer. Das Herrchen von Rambo erklärte gleich, sein Hund lässt sich absolut ungern am Kopf scheren. Er hat ihn bisher immer selbst getrimmt, aber dieses Mal möchte er sich nicht mehr die Arbeit machen. Rambo sah aus wie ein Büffel. Der Körper kurzhaarig und der Kopf ein einziger Haarwuust. Herrchen lieferte ihn ab und überließ alles weitere mir. Also, packen wir es an. Ich hob Rambo auf den Tisch und bearbeitete erst mal den ganzen Körper bevor ich mich an den Kopf machte und der war wirklich eine Herausforderung. Der Bart war total verfilzt und noch voll mit eingetrockneten Fressensresten. Aber welch ein Wunder: Ich rechnete mit allem und war auf der darauf wartend, dass etwas passieren würde. Aber Rambo dachte gar nicht daran. Brav wie ein Engel ließ er alles über sich ergehen und sein Besitzer konnte es gar nicht glauben. Ich beim Trinkgeld auch nicht.

    Bei Wuschel war der Name Programm

    Ein interessantes Exemplar der Gattung Hund war auch Wuschel. Ein Dackelmix, der bei der Fellverteilung bestimmt zweimal hier gerufen hat. Er sollte einfach mal kürzer geschnitten werden. Sein Frauchen blieb während der Behandlung dabei und wir unterhielten uns ausgezeichnet. Als ich an seine Hinterpartie gelangte fragte ich sie warum denn der Schwanz so kurz kupiert sei. Zur Antwort bekam ich, dass Wuschel ohne Schwanz auf die Welt kam, was sie sehr schade fand, denn man sah gar nicht richtig wenn Wuschel sich freute. Spaßhalber fragte sie mich ob man nicht ein Schwänzchen dransetzen kann. Gesagt getan: Ich ließ die Haare, wo normal der Schwanz sitzt in einem Büschel stehen und Frauchen freute sich wie ein Schneekönig, dass ihr Hund endlich einen, wenn auch obligatorischen Schwanz, hatte.

    Wenn Hunde beissen…

    Im Großen und Ganzen sind die meisten Hunde brav aber bei so manchem Hund bin ich dem Erfinder des Maulkorbs schon sehr dankbar. Man lässt sich doch sehr ungern beißen aber das ist eben das Berufsrisiko. Ein Kunde war ein schwarzer Zwergschnauzer, wenn der geschoren wurde war er so fuchsteufelswild, dass er vor lauter Zorn sogar Schaum vor dem Maul hatte. Diese Tage waren meine Spezialistentage.

    Ich hätte mir ohne weiteres zahlreiche Trophäen in Form von „Fell am Stück“ an die Wand hängen können.

    Eins war das eines sehr großen Hütehundes. Es grenzt normalerweise schon an Tierquälerei, einen Hund so verfilzen zu lassen aber der Hund gehörte einem älteren Bauern, lebte auf dem Hof und schlief im Kuhstall, was geruchstechnisch schon alles sagt.
    Die Herrschaften betraten meinen Laden, ich nahm den Hund in Empfang und der Mann half mir noch ihn auf den Tisch zu heben. Der Tisch war schon fast zu klein, aber Falk war absolut ruhig und brav. Ich dachte nur bei mir: Jeden Tag eine gute Tat… Zuerst überlegte ich mir wie ich überhaupt vorgehe. Die Filzmatte war am ganzen Körper etwa 3 cm dick. Mit der Schere schnitt ich erst einmal einen Schlitz am Nacken ins Fell um mit der Schermaschine überhaupt ansetzen zu können. Bei diesem Hund kam es auch nicht auf das Aussehen danach an. Er wurde einfach nur kurz und pflegeleicht gemacht. Ich arbeitete mich von da ab mit einem 3 mm-Scherkopf nach hinten durch. Als ich den Hund halb von oben nach unten geschoren hatte, sah er aus als sitze er in einem Kartoffelsack. Es war wie beim Schafe scheren. Man merkte ihm regelrecht an wie er anfing zu entspannen und das Ganze zu genießen.

    Man kann auch bei einem Hund nach solch einer strapaziösen Prozedur Dankbarkeit und Freude erkennen. Denn, nach vollendeter Tat ließ ich ihn raus in den Garten. Er sprang und tollte herum und wälzte sich erst einmal genüsslich auf der Wiese. Nachdem ich seinem Besitzer klar gemacht hatte, dass er wenigstens 2 Mal im Jahr zum Scheren zu mir kommen sollte, wurde Falk ein treuer Kunde.

    Allerdings habe ich immer nach diesem Kunden trotz Lüften 2 Tage gute Landluft im Studio.

    Man muss flexibel sein

    Eine interessante Frage stellte mir einmal ein Bekannter: Wie viele Hunde ich denn in einer Stunde schaffe? Als ich ihm erklärte, dass ich für einen Pudel etwa 2 Stunden für baden und schneiden brauche, konnte er es gar nicht glauben, denn er stellte es sich in etwa wie beim Schafe scheren vor.
    Man muss in diesem Beruf auch flexibel sein. So hatte sich eine Kundin angemeldet mit einem großen Mischling, der geschoren werden sollte. Draußen vor der Tür war der Hund von seinem Frauchen absolut nicht zu bewegen die paar Stufen zum Studio runter zu gehen. Ich eilte zur Hilfe. Gemeinsam versuchten wir es eine halbe Stunde lang mit gut zureden, schimpfen, verstecken, ziehen und schieben, jedoch ohne Erfolg. Jetzt konnte nur noch Trick 17 helfen. Ich führte die beiden ums Haus herum, er ging zwar auch nicht durch die Hintertür hinein, aber ich holte meine Utensilien zum Schneiden nach draußen und da es ein schöner Tag war, hatten wir alle etwas davon.

    Und dann gibt es auch Hunde, die nicht geschert werden wollen

    Einmal hatte ich einen Hund, der ging raus wie er rein gekommen war. Schon am Telefon erzählte die Frau, dass sie den Hund erst 10 Tage zur Pflege hat, da sein Herrchen im Krankenhaus sei und die Nachbarn den Hund einschläfern wollten. Er sei ja brav, aber mit einer Bürste ließe er überhaupt niemanden an sich heran kommen. Wir vereinbarten einen Termin. Er war recht groß aber ließ sich problemlos auf den Tisch heben. Ich streichelte ihn erst und sprach mit ihm, dann nahm ich eine Bürste in die Hand – oh je. Er zog die Lefzen hoch und knurrte schon recht gefährlich. Normalerweise lasse ich mich nicht so schnell einschüchtern, aber in diesem Fall war doch Vorsicht geboten und ich traute mich nicht an ihn ran. Ich legte die Bürste wieder weg – alles ok. Ich nahm einen Maulkorb, um ihm diesen anzulegen. Das gleiche Spiel. Ich versuchte es eine halbe Stunde ohne Erfolg. In so einem Fall ist eine Beruhigungstablette unumgänglich. Also zogen die beiden unverrichteter Dinge von dannen um 2 Wochen später im Halbschlaf erneut anzutreten.

    Nach 11 Jahren war Schluss

    Das war das erste Jahr meines Hundesalons, zehn weitere folgten. Mit der Geburt unseres 3. Kindes habe ich dann aufgehört. Das sind jetzt 13 Jahre her. Heute nennt man Hundefriseure „Groomer“ und die Arbeit ist nach wie vor sehr umfangreich: Man schneidet und schert nicht nur sondern ist halber Tierarzt, Psychologe für Mensch und Tier, Zahnarzt und Erziehungsberater. Die meisten Kunden die ich hatte waren Mischlinge, hier ist keine Rassespezifische Vorgabe angesagt sondern Kreativität gefragt – wobei die meisten Kunden ihre Vierbeiner einfach nur pflegeleicht und kurz haben wollten. Da es kein Ausbildungsberuf ist muss man sich viel informieren. Wer Interesse an der Arbeit eines Groomer hat kann sich auf der Internetseite des Bundesverband der Groomer http://www.bundesverband-der-groomer.de/ darüber informieren.

    Über mich

    sylvia kester PortraitBildangaben: Bild & Quelle: Sylvia Kester

    Bild & Quelle: Sylvia Kester


    Ich bin inzwischen Redakteurin in einem Verlag. Mit den Hunden bin ich aber immer noch verbunden… Zum einen haben wir selbst einen – unsere Jule, ein Briard-Mädchen und zum anderen male ich seit 16 Jahren – auch Hunde.

    Hundebild zu gewinnen!

    Wer Interesse an meinen Arbeiten hat kann sich gern mal auf meinem Blog (www.kunstecht.blogspot.de) umschauen, hier gibt es derzeit sogar ein witziges Hundebild zu gewinnen.

    Viele haarige Grüße und … man liest sich
    Eure Sylvia Kester

    Alle Bilder & Quellen: Sylvia Kester