Der Kanaanhund zählt in unseren Breiten zu den Exoten. Kanaanhund-Züchter gibt es so gut wie keine in Deutschland. Umso glücklicher sind wir, dass Marlies Menge, Betreiberin von MengesKanaans, uns einen Überblick über diese Hunderasse verschafft hat.
Die Geschichte der Kanaans
Prof. Rudolphina Menzel, eine österreichische Kynologin und Verhaltensforscherin, die 1938 vor den Nazis aus Wien nach Palästina ausgewandert war – Jahre vor der Gründung des Staates Israel – hatte die wildlebenden Hunde in der Umgebung der Beduinen entdeckt.
Sie hatte sich in Europa besonders für Schutzhunde interessiert, aber die Boxer, Schäferhunde, Dobermänner vertrugen das israelische Klima nicht.
Sie sah die wildlebenden Hunde, die sich vom Abfall der Beduinen, erjagten Mäusen und anderen Kleintieren ernährten.
Sie unterschied drei Typen dieser Wildhunde:
- einen schweren, etwas plumpen Hund,
- einen grazilen, windhundartigen und
- einen, der eine Mischung von den beiden sein konnte.
Letzteren wollte Rudolphina Menzel für ihre neue Züchtung haben, den Kanaans, von ihr benannt nach dem biblischen Land Kanaan.
Die Menzels lebten in Kiriat Chaim. In deren Nähe beobachtete Frau Menzel eine schwarz-weiße Hündin, wildlebend und scheu, doch Frau Menzel schaffte es, sie zu domestizieren. Sie nannte sie Duma, was übersetzt Muster heißt.
Lange Zeit waren die Menzels und später Myrna Shiboleth die einzigen Kanaan-Züchter. Inzwischen gibt es mehr Israelis, die sich für die Rasse engagieren. Und es werden Kanaans auch in Nordamerika und in verschiedenen Ländern Europa gezüchtet. Ich hatte selbst zwei Würfe dieser Rasse. Eine meiner Hündinnen stammte von einer Schweizer Kanaan-Züchterin.
Rassemerkmale
Anbei Auszüge aus dem Rassenstandard des Kanaanhund, wie er von Prof. Rudolphina Menzel aufgestellt und seitdem kaum verändert wurde:
- Allgemeine Erscheinung des Kanaans:
Ein mittelgroßer, kräftiger, quadratischer Hund, der dem Wildhundtyp ähnelt - Gewicht und Größe:
Zwischen 50 und 60 cm Widerristhöhe, Rüden gewöhnlich deutlich größer als Hündinnen. Gewicht: 18 bis 25 kg - Farbe:
Sandfarben bis rotbraun, weiß, schwarz oder gefleckt. Große weiße Abzeichen sind nicht nur bei allen Farben erlaubt, sondern erwünscht. Schecken aller Art erlaubt, ebenso weiße oder schwarze, möglichst ebenmäßige Masken. Unerwünscht ist grau und dunkelbraun, gestromt und dreifarbige Hunde.
Allgemeine Bemerkung: Besonderes Augenmerk muss auf die Punkte gelegt werden, die den Kanaanhund vom Deutschen Schäferhund, dessen nicht hochgezüchteter Form er manchmal ähnelt, unterscheiden:
- quadratische Körperform
- Lendenpartie kurz
- Vorhand hoch aufgerichtet
- Nachhand weniger gewinkelt
- der Hals möglichst edel
- Rute in Erregung über den Rücken geringelt
- ein schneller, leichter und energischer Trab
Video vom Kanaanhund:
Je kleiner und leichter ein Tier ist, desto weniger Futter und Wasser benötigt es. Es entkommt leichter Gefahren und findet eher ein Versteck.
Meine erste Begegnung mit dem Kanaanhund
Den ersten Kanaan lernte ich durch meinen Beruf kennen. Ich war damals ZEIT-Korrespondentin in der DDR und interviewte irgendwann eine jüdische Dame, die aus der Emigration eine Kanaanhündin mitgebracht hatte.
Ich lernte erst später, dass Kanaans zu den wenigen noch existierenden Hunderassen vom primitiven Typ gehören, zur Gruppe der Paria-Hunde, die im gesamten afrikanisch-asiatischen Raum zu finden sind.
Kynologisch gehören sie zur Spitz-Familie, der ältesten Hundefamilie der Welt. Jahrtausendealte Felszeichnungen zeigen sie als Jagdgehilfen. Sie entwickelten sich durch natürliche Auslese, weshalb nur die stärksten und intelligentesten von ihnen überlebten, die dem schwierigen Leben in der Wüste gewachsen waren. Noch heute haben Kanaans starke Überlebensinstinkte, was sie zu intelligenten, unabhängigen, aber auch sehr vorsichtigen Hunden macht.
Man kann sie nie zwingen, etwas zu tun. Man muss sie überzeugen, dass es vernünftig ist, es zu tun.

Foto: M.Taube
Quelle: Wikimedia Commons // creative commons CC BY-SA
Sein Charakter: freundlich distanziert
Ein Kanaanhund ist zurückhaltend gegenüber fremden Menschen und Dingen. Diese Hunderasse ist sehr wachsam, territorial und zeigt wenig Neigung zum Streunen. Den Ort, in dem sie leben inklusive seinem Besitzer, dessen Kindern und anderen Haustieren, betrachten sie als ihr Revier, das sie gegen jeden – meist lauthals – verteidigen.
Der heutige FCI-Standard beschreibt den Kanaan-Hund als aufmerksam, schnell reagierend und misstrauisch gegenüber Fremden. Er ist stark verteidigungsbereit, aber nicht von Natur aus aggressiv. Seine Wachsamkeit richtet sich nicht nur auf Menschen, sondern auch auf andere Tiere. Gleichzeitig gilt er als sehr anhänglich gegenüber seinen Bezugspersonen und grundsätzlich gut trainierbar.
Die alte jüdische Dame gab mir ihre Kanaanhündin, als sie ins Pflegeheim ging. Sie hatte sie von Myrna Shiboleth aus Israel.
Die Hündin war 13 Jahre, und sie verhielt sich, als wäre sie nur bei mir zu Besuch, nämlich freundlich distanziert.
Ein Kanaanhund-Welpe
Ich war von der Rasse so angetan, dass ich mir wenig später von Myrna Shiboleth einen Kanaanhund-Welpen holte, eine schwarz-weiße Hündin. Sie hieß Shira und war über 12 Jahre meine Begleiterin, eine selbstbewusste Hündin, dabei zurückhaltend und fast ängstlich, wenn es um etwas ging, das sie nicht kannte.
Myrna hat diese Besonderheit eines Kanaanhunds so beschrieben:
Sie steht mit einem Schäferhund und einem Kanaanhund an einer steilen Schlucht. Sie sagt zum Schäferhund: „Spring!“ Und er springt. Sie sagt zum Kanaan: „Spring!“. Und er sagt: „Erst du!“
Einen Kanaanhund kaufen ist schwierig
Heute würde ich mir keinen Welpen mehr aus Israel holen. Die Einfuhr eines Hundes aus Israel in die EU ist mit zusätzlichen tiergesundheitlichen Anforderungen verbunden. Israel gehört nicht zu den Drittländern, aus denen Hunde ohne Tollwut-Antikörpertest in die EU einreisen dürfen. Nach den europäischen Regelungen muss ein Hund aus Israel unter anderem gegen Tollwut gültig geimpft sein und einen erfolgreichen Tollwut-Antikörpertest vorweisen. Nach der Blutentnahme ist grundsätzlich eine Wartezeit von drei Monaten einzuhalten, bevor der Hund in die EU einreisen darf. Dadurch kann ein Welpe aus Israel bei der Einreise bereits etwa sieben Monate alt sein.
Das erschwert die Aufzucht eines jungen Kanaan-Hundes, da eine frühe Gewöhnung an seine neue Umgebung und eine sorgfältige Sozialisierung gerade bei dieser eher zurückhaltenden und fremden Menschen gegenüber misstrauischen Rasse wichtig sind.
In den 1990er Jahren hatte mich Myrna noch im Jeep in die Negev-Wüste zu Beduinen mitgenommen, in deren Umgebung wir wildlebende, extrem scheue Kanaans beobachten konnten. Heute leben immer weniger Beduinen in ihren traditionellen Zelten.
Wildlebende Kanaans gibt es so gut wie nicht mehr.
Bild mit Quellenangabe:

Foto: Matilda
Quelle: Wikimedia Commons// creative commons CC BY-SA



