Zum wilden Eck – Leseprobe

Zum wilden Eck – Leseprobe

Der Mops-Krimi von Fritzi Sommer “Zum wilden Eck” kommt heute in die Bücherläden – und schon steht eine Leseprobe für Euch auf Issn’ Rüde!, freundlich zur Verfügung gestellt vom Random House Verlag mit tatkräfiter Unterstützung von Julia Oellingrath.

Die Kritiken sind eindeutig: “Unbedingt lesen! Wer sich nach diesem Roman keinen Hund wünscht, ist selber schuld.” :D

Kapitel 1

Conny saß in ihrer Hollywoodschaukel und stierte in den Himmel. Wir folgten ihrem Blick und sahen ebenfalls hoch. Da war nur nichts! Nichts, das ihre Haltung hätte erklären können. Abgesehen von den dunklen Wolken, die in Windeseile vorbeizogen. Aber nicht nur das machte uns stutzig. Unsere Wohnwagen-Nachbarin und vermutlich die einzige normale Person auf diesem Campingplatz hatte immer noch ihr geblümtes Kleid und die cremefarbene Strickjacke mit den goldenen Knöpfen an. Die Sachen, die sie gestern Abend auf der Grillparty getragen hatte – und es war ja inzwischen alles andere als warm. Von der Ostsee wehte eine merklich kühle Brise zum Campingplatz rüber.

Apropos nicht warm: Conny war eiskalt. Ich hatte sie mit meiner Nase angestupst. Sie war kalt und irgendwie hart.

Außerdem stand ihr roter Mund merkwürdig offen. Im Mundwinkel hing Spucke. Das passte gar nicht zu ihr.

Ich sah erst Viktor rechts neben mir an, dann Wilma, die links neben mir saß. Wir waren uns einig. Für all das konnte es nur eine Erklärung geben: Conny war tot.

Bevor ich Ihnen gleich erzähle, wie es zu diesem ganzen Schlamassel kam, sollte ich mich vielleicht erst einmal vorstellen: Mein Name ist Henri. Eigentlich heiße ich Heinrich. Das ist Josephine, unserer Rudelführerin, aber etwas zu kompliziert und auch etwas zu doof, wie sie immer erklärt. Deshalb ruft sie mich einfach Henri. Oder auch Heini, wenn sie genervt ist. Das wiederum finde ich doof. Auf Heini höre ich sofort, denn ich finde diesen Namen so fürchterlich, dass ich lieber auf der Stelle angelaufen komme, als mich noch ein einziges weiteres Mal so nennen zu lassen! Andererseits nenne ich Josephine ja auch nur Josi. Wie all ihre Freunde. Das passt viel besser zu ihr als so ein langes Josephine. Josi ist nämlich eine echte Frohnatur. Neben vielen anderen Dingen ist Lachen ihre Lieblingsbeschäftigung. Sie ist einfach eine tolle Rudelführerin! Außer mir gehören jedenfalls noch Viktor und Wilhelmine, meist Wilma genannt, zur Familie. Wilma ist breit wie hoch und genau wie Viktor ein Mops. Ich bin kein Mops. Jedenfalls kein reinrassiger. Das möchte ich an dieser Stelle erwähnt haben. Ich bin das Resultat einer leidenschaftlich kurzen, aber heftigen Begegnung eines Mopses mit einer Dänischen Hofhündin. Bis vor Kurzem hatte ich keinen blassen Schimmer davon. Ich war bis zu dieser dummen Sache auf dem Campingplatz davon ausgegangen – ich mag es gar nicht laut sagen – aber ich war davon ausgegangen, auch ein Mops zu sein. Ein 1A reinrassiger Mops. Als ich dann erfuhr, dass alles ganz anders ist, war das ein ganz schöner Schock.

Früher gehörte auch noch Bernd zu unserem Rudel. Womit wir schon beim Thema wären. Denn mit Bernds Skiurlaub fing die ganze Katstrophe an. Genau genommen mit Josis Anruf in dem Hotel, in dem Bernd seit Jahren übernachtet, wenn er in den Skiurlaub fährt. Sie wollte sich eigentlich nur kurz erkundigen, wie es ihm da unten in den Bergen so geht, aber was sie stattdessen erfuhr … wie soll ich sagen, löste sozusagen eine Lawine aus. Nicht da unten in den Bergen, sondern hier oben bei uns.

Dabei hatte der Tag so schön angefangen. Die Maisonne schien durch die deckenhohen Fenster, die sich über die gesamte Front unserer frisch bezogenen Wohnung – Entschuldigung, ich meine natürlich unseres Lofts – in der Hamburger Hafencity zogen und weckte uns alle drei im gleichen Moment auf. Wilma, die fette Nudel, die schon wieder ihre Vorderpfote quer über meinen Kopf gelegt hatte, Viktor und mich. Wir teilen uns nämlich ein großes XXL-Hundebett. Im Hintergrund hörte ich eines der schönsten Geräusche meines Hundelebens: das Öffnen der Futterdose. Eigentlich hörte ich schon ein Geräusch davor, nämlich das Wühlen in der Schublade, wenn Josi den Öffner sucht. Ich liiiiebe dieses Geräusch! Und ich liebe es, davon geweckt zu werden. Was ich weniger liebe, ist meine verfressene Mitbewohnerin, die natürlich wieder als Erste am Futternapf stand, bevor ich überhaupt das zweite Auge geöffnet hatte. Aber da sie nicht nur fett, sondern auch etwas dumm ist, begreift sie bis heute nicht, dass sie sowieso nicht mehr bekommt, auch wenn sie die Erste ist. Tja, Pech gehabt, dachte ich, während ich mich streckte, ausgiebig gähnte und dann langsam Richtung Küche trottete. Ich war sozusagen hundemüde. Nicht ohne Grund. Wir hatten am Abend zuvor drei Folgen Sherlock Holmes am Stück gesehen. Die anderen waren mal wieder nach der ersten Folge eingeschlafen. Im Gegensatz zu mir: Ich würde im Leben nicht während eines Krimis einschlafen! Denn ich bin der geborene Ermittler, müssen Sie wissen. Ganz unter uns: Meine Trefferquote liegt bei 100%. Meine Bestzeit unter fünf Minuten. Zumindest beim Tatort. Da kann mir keiner was vormachen. Bei Sherlock Holmes ist das etwas anderes. Die Fälle sind schon kniffliger. Na ja. Wäre es nach mir gegangen, ich wäre schon längst bei der Kripo. Als Spürhund, versteht sich. Was gibt es Schöneres als einen ordentlichen Mord? Also, okay, für die Toten ist das natürlich weniger schön. Aber von diesen negativen Begleiterscheinungen abgesehen ist es meine größte Leidenschaft, Kriminalfälle zu lösen. Gut, mit Leberwurst bekommt man mich auch schnell rum. Aber die steht an zweiter Stelle. Ich schwöre.

»Da seid ihr ja, meine Süßen. Kommt, Frühstück ist fertig!«, flötete unsere Rudelchefin fröhlich, kniete sich zu uns runter, warf ihre langen rotblonden Haare nach hinten und knuddelte uns, als hätten wir uns die letzten zwanzig Jahre nicht gesehen. Dabei waren es gerade mal zehn Stunden gewesen. Unser morgendliches Ritual. Wie ähnlich sie uns morgens immer sieht, dachte ich, während ich sie betrachtete und ihre Streicheleinheiten genoss. Wir hatten zwar keine langen Haare, aber Josi hatte ein mindestens genauso verknittertes Gesicht wie ich. Bei ihr legten sich die meisten Falten im Laufe des Tages wie von Geisterhand. Bei mir waren sie ein Markenzeichen. Beziehungsweise bei uns.

Dann stand sie wieder auf, nahm sich ihren Latte macchiato und ging in ihrem bodenlangen, cremefarbenen Seiden-Morgenmantel ins Wohnzimmer. Oder besser: Sie betrat den Teil des Lofts, den sie seltsamerweise Wohnzimmer nannte. Wohnzimmer, Küche, Esszimmer waren alle eins. Eine einzige große Halle. Lediglich für das Schlafzimmer sowie das Gäste-WC und das große Bad mit der freistehenden Badewanne und dem Blick auf den Hafen hatte der Architekt eine Tür eingeplant. Dem Himmel sei Dank! Nichts gegen den Blick auf den Hafen, aber der Blick auf Bernd, der stundenlang auf dem Klo verschwand, um dort angeblich Sudoko-Rätsel zu lösen … vielen Dank! Wobei sich das dann auch schnell erledigt hatte.

»Guten Morgen. Ich würde gerne Herrn Hartmann sprechen. Er hat die Junior-Suite. Würden Sie mich bitte verbinden? Ich habe die Durchwahl verlegt«, hörte ich Josi sagen, während ich den Rest aus der Schüssel leckte. Geflügelpastete. Ein Traum!

»Ja, danke. Ich warte«, sagte Josi ganz entspannt und lächelte uns an. Daran erinnere ich mich noch. Denn es waren ihre letzten Worte, bevor sie – lassen Sie es mich so sagen – zur Furie wurde, die weder sich selbst noch irgendetwas anderes unter Kontrolle hatte. Dabei war das doch neben ihrer Frohnatur ihr Markenzeichen. Kontrolle. Kontrolle und Ordnung. Egal, ob es sich um die Brötchenkrümel auf dem langen Esszimmertisch handelte, die sie mit dem Handstaubsauger entfernte (obwohl zweimal die Woche Mercedes, der spanische Putzteufel, kam), oder die Schuhe im begehbaren Kleiderschrank. Die standen auf den Millimeter genau in gleichem Abstand nebeneinander und waren nach Farben sortiert. Als Christa, Josis Mutter, das erste Mal nach unserem Umzug zu Besuch kam, meinte sie: »Hier sieht es ja aus wie in einem Einrichtungs-Katalog! Also, von mir hast du das nicht.« Mir war es egal. Der einzige Moment, in dem es anfing zu nerven, war der, wenn Josi an meinem Halsband rumdrehte, weil es verrutscht war. Dann konnte ich Bernd verstehen, dem sie auch jeden Morgen, bevor er aus der Wohnung ging, an der Krawatte rumzerrte. Bernd war davon ähnlich genervt wie ich. Er sagte nur irgendwann nichts mehr. Es hatte ja auch keinen Sinn. Josi hatte mal zu Sarah gesagt, dass sie die äußere Ordnung brauche wie Luft zum Atmen. Oder so in der Art.

Jedenfalls fing sie eine Sekunde später an zu lachen. Nein, zu prusten. Das wiederum ging schleichend in ein hysterisches Schreien über. Bis sie kurz einmal tief Luft holte und »Bitte, was?!« in den Hörer rief, dabei befand der sich doch direkt an ihrem Mund. Ich wollte mich gerade über so viel Rücksichtslosigkeit am frühen Samstagmorgen beschweren, als Josi erneut anfing, so merkwürdig glucksend zu lachen. Nicht irgendwie. Sondern wie ein wieherndes Pferd. »ICH bin Frau Hartmann!!!«, brüllte sie in den Hörer, dann schleuderte sie das Telefon einmal quer durch Wohnzimmer, Esszimmer und Küche. Kurz vor dem Mülleimer fiel es auf den Boden. Wilma jaulte auf und rannte für ihre Verhältnisse überraschend schnell zu unserem XXL-Bett, Viktor zuckte zusammen und sah aus, als würden ihm seine Froschaugen gleich in den Futternapf fallen, und ich war einem Herzinfarkt nah.

Zeitgleich nahm Josis unheilvolle Wandlung ihren Lauf. Sie, sonst immer die Ruhe in Person, die nach Blumenwiesen roch und Klassik liebte. Sie, die Wert auf Höflichkeit und gute Umgangsformen legte, die es liebte, zur – wie sie immer sagte – Upper Class zu gehören, die studiert hatte und stolz auf das war, was sie sich aufgebaut hatte. Sie, die aussah, als wäre sie gerade einem Modemagazin entsprungen.

Sie, Josephine Hartmann, unsere Rudelführerin, schrie jetzt: »Dieses ARSCHLOCH! Dieses verdammte, kleine ARSCHLOCH!« Dann sah sie zu mir runter.

»Hallo?! Was war das denn für eine Ansage?«, wunderte ich mich zutiefst gekränkt. Sie war zwar einmal im Monat etwas zickig. Aber so?! Ich legte den Kopf schief und sah sie mit in Falten gelegter Stirn fragend an. Okay, meine Stirn liegt immer in Falten, aber in diesem Fall gab ich mir große Mühe, noch ein paar Extrafalten zu produzieren.

»Du doch nicht, Henri«, sagte sie kopfschüttelnd in einigermaßen normalem Ton, bevor der Anfall seinen weiteren Lauf nahm. Wann hatte ich zuletzt so etwas gesehen, fragte ich mich, während Josi wie ein Soldat ins Schlafzimmer marschierte. Stimmt! Kürzlich, im Fernsehen in dieser Serie … wie hieß die noch gleich? Da war auch so eine Frau, die brüllte und sich schließlich weinend aufs Sofa warf. Ihr Hund war daraufhin angelaufen gekommen – vermutlich weil er sich Sorgen machte und sie trösten wollte. Das wiederum verstand Wilma natürlich nicht, wie so vieles in ihrem kurzen Leben, und hatte höllisch laut angefangen »Pfoten weg von der Frau, du Schwein!« zu bellen, während sie vor dem Flachbildschirm stand. Was soll ich dazu sagen? Es handelte sich hier schließlich um einen Weimaraner und nicht um ein Schwein.

Josi warf sich jedenfalls nicht weinend aufs Sofa, sondern wie hypnotisiert vor den Kleiderschrank. Ein paar Minuten passierte gar nichts, und ich dachte schon, sie hätte sich wieder beruhigt. Dann riss sie plötzlich von einer Sekunde auf die nächste alles aus dem Schrank. Na ja, nicht ganz. Ihre Sachen ließ sie drin. Nur die von Bernd flogen in hohem Bogen raus, bis sich neben ihr ein Klamottenberg gebildet hatte, der mindestens so hoch war wie drei Möpse – oder sagen wir mal eher fünf. Wollte sie das alles waschen oder was hatte sie vor? Mit ihrer üblichen Tollpatschigkeit hatte das hier nichts zu tun. Ihr fiel zwar sonst gerne mal was aus der Hand, aber das hier hatte etwas ganz und gar Absichtliches. Nur warum? Warum war sie so sauer, wunderte ich mich, während ich das Szenario aus einem kleinen Sicherheitsabstand besorgt beobachtete. Was hatten die vom Hotel denn bloß zu ihr gesagt?

»Herr Hartmann ist nicht da, aber Frau Hartmann können wir Ihnen gerne geben!«, wiederholte Josi eine halbe Stunde später das, was man ihr am Telefon gesagt hatte. Der Tobsuchtsanfall war vorbei. Dafür schluchzte sie jetzt ununterbrochen, während sie neben Sarah auf dem Sofa saß. Sarah war Josis beste Freundin und als solche umgehend herbeigeeilt. Sie fuhr einen todschicken neuen Mini und war in Rekordzeit aus Eppendorf zu uns in die Hafencity gerast, wie sie erklärte, nachdem die Fahrstuhltür sich geöffnet hatte. Ich glaubte ihr sofort, so wie sie schnaufte. Dabei war sie eigentlich gut durchtrainiert. Sport war ihre große Leidenschaft. Neben Yoga und Boxen ging sie laufen und neuerdings auch zum Zumba. Das ist irgend so eine Sache, wo man zu Musik mit dem Po hin und her wackelt. Bei ihrem letzten Besuch hatte sie uns das mal vorgemacht. Josi wäre fast vor Lachen vom Sofa gerutscht. Aber mit dem Lachen war jetzt Schluss.

Der Fahrstuhl, das muss ich noch kurz erklären, führt bei uns direkt in die Wohnung. Es gab zwar auch eine ganz normale Wohnungstür, die in ein ganz normales Treppenhaus führte, aber die benutzen wir nie. Meine Mitbewohner waren schließlich Möpse und keine Windhunde. Man unterscheidet zwar zwischen Sport-Möpsen und Fress-Möpsen – zu Letzteren gehört wie gesagt die dicke Wilma –, aber das heißt noch lange nicht, dass wir, Mops hin oder her, mehrmals täglich in den siebten Stock laufen möchten. Da waren wir uns alle Gott sei Dank sofort einig, als wir vor einem knappen Jahr hier einzogen. Nur Bernd musste, warum auch immer, die Treppe nehmen. Testosteron, hatte Josi dann immer kopfschüttelnd gesagt. Wo wir auch schon beim Problem wären.

»Vielleicht ist das ja nur ein Missverständnis, Süße«, versuchte Sarah sie zu beruhigen und fuhr sich mit der Hand über ihren Pony, der so akkurat gerade geschnitten war, dass ich überlegte, ob der Friseur ein Lineal benutzt hatte. Ihre kurzen, dunklen Haare erinnerten ein wenig an die Frisuren von diesen kleinen Plastikfiguren. Wie heißen die noch mal? Playmobil, glaube ich. So eins hatte Viktor mal am Elbstrand gefunden.

»Das Missverständnis ist halb so alt wie ich, könnte meine Tochter sein und hat kurze braune Haare!«

Sarah hörte auf, sich nervös mit den Fingern durch den Playmobilpony zu streichen. »Oh … woher weißt du das denn?«

»Ich habe ihn gefragt«, erklärte Josi.

»Bernd!?«

»Nein, natürlich nicht!«, schluchzte sie, während Wilma, Viktor und ich nebeneinander in einer Reihe saßen, abwechselnd die Köpfe wie bei einem Tennismatch erst zu Josi, dann zu Sarah, danach zurück zu Josi drehten und aufmerksam zuhörten.

»Der Portier hat es mir gesagt. Ich habe ihn nach dem ersten Schock noch mal angerufen, weil ich es einfach nicht fassen konnte … kann ich ja immer noch nicht.« Josi putzte sich die inzwischen rote Nase. Neben ihr türmte sich ein kleiner weißer Berg aus Papiertüchern.

»Oh«, murmelte Sarah daraufhin und nahm noch einen Schluck aus einem der beiden Proseccogläser.

»Ich mache mir Sorgen«, raunte Wilma links neben mir.

»Ich mir auch«, kam es von rechts. »Sie trinkt dieses Blubberwasser sonst nie vor achtzehn Uhr«, meinte Viktor und zog die Nase hoch. Wie ich das hasste! Dieses Geräusch. Grässlich. Schnupfen hin oder her. Viktor war doch sonst nicht so ein Banause. Im Gegenteil, er war doch eher der Grandseigneur im Rudel! Das musste das Alter sein, anders konnte ich es mir nicht erklären, dass er sich in letzter Zeit wie eine gewöhnliche Promenadenmischung benahm. Neulich ist er den halben Tag mit Essensresten im Mundwinkel herumgerannt. Viermal musste ich ihm sagen, er solle sich das bitte schön mal weglecken! Beim fünften Mal hätte ich es fast selbst gemacht, aber dann tat er es schließlich doch. Alte Männer werden manchmal komisch, dachte ich und beobachtete, wie sich das Proseccoglas erneut in Richtung Josis Mund bewegte.

Wo Viktor recht hatte, hatte er recht. Es war wirklich etwas früh – um genau zu sein, kurz nach zehn Uhr morgens.

»Das ist ein Notfall. Das seht ihr doch!«, murmelte ich zurück, während ich beobachtete, wie Sarah noch einmal nachschenkte. Dann stellte sie die leere Flasche auf den Fußboden. Eigentlich bekam Josi von diesem Zeug immer ganz lustige Anwandlungen. Manchmal hatte ich aber auch den Eindruck, es machte einfach nur müde. Denn meistens verschwand sie nach dem zweiten Glas plötzlich mit Bernd im Schlafzimmer. Egal ob der Krimi im Fernsehen noch lief oder der zweite Gang des abendlichen Menüs noch im Ofen war. Ich war zwar schon oft genug in den letzten vier Jahren, die ich jetzt auf der Welt war, so müde, dass ich im Stehen hätte einschlafen können, aber wenn ein so leckeres Essen auf mich gewartet hätte – nein, dann wäre ich sicher nie im Leben ins Bett gegangen! Nun ja. Derzeit wirkte der Prosecco jedenfalls alles andere als einschläfernd. Eher betäubend. Josi starrte auf ein und denselben Punkt auf dem Fußboden, als wenn dort ein Fleck wäre. Ich folgte ihrem Blick und sah mir die Stelle etwas genauer an, beschnüffelte sie sogar intensiv, aber da war nichts. Rein gar nichts, abgesehen von dem Granitboden. Ich marschierte enttäuscht zurück und setzte mich wieder zwischen Wilma und Viktor.

Josi tat mir richtig leid. Erst war ihr Onkel Fritz vor zwei Wochen gestorben und nun das! Onkel Fritz hatten wir noch nie zu Gesicht bekommen. Also, ich zumindest nicht. Lediglich seinen Sarg, aber da war der Deckel schon zu. Sie hatte aber doch hin und wieder von ihm erzählt. Meist, wenn eine Karte von ihm gekommen war. Dann hatte sie immer »Hach, Fritz« gesagt, gelächelt, die Karte gelesen und auf die Kommode gelegt. Das war so zweimal im Jahr gewesen. Als Kind war sie regelmäßig mit ihren Eltern zu Onkel Fritz gefahren. In den Ferien. Wenn sie davon erzählte, dann leuchteten ihre Augen immer so. Ich glaube, diese ersten Jahre, das ist bei Menschen etwas ganz besonderes. Jedenfalls denken sie an diese Jahre lieber als an andere. Okay, von Urlauben schwärmen Menschen auch schon mal, aber das ist ein anderes Schwärmen. Das, was ich meine, ist, wie soll ich sagen, etwas verzaubert. Ja, genau das ist es. Verzaubert. Und trotzdem ist sie in den anderen Jahren nach dieser besonderen Zeit irgendwie nicht mehr so oft da hingefahren. Aus Zeitmangel, hatte sie mal gesagt, als ihre Mutter fragte. Aber immerhin dachte sie regelmäßig an ihn. Also an Fritz. Und sie mochte ihn. Das wusste ich. Umso geschockter war sie von der Nachricht gewesen, dass er nicht mehr lebte.

Fritz war, obwohl eigentlich topfit, einfach eines Morgens tot in seinem Campingwagen gefunden worden. Josi hatte das sehr mitgenommen. Vor allem die Beerdigung letzte Woche. Ihre Eltern hatten es leider nicht geschafft, da sie mit irgendeiner schlimmen Grippe im Bett lagen.

»Warst du eigentlich schon mit den Hunden draußen?«, fragte Sarah und sah dabei in unsere Richtung.

»Nee«, sagte Josi völlig unbeteiligt und blickte weiter wie gelähmt irgendwo ins Nichts.

»Soll ich sonst mal kurz? Die sehen irgendwie so aus, als wollten sie raus.«

Hallo?! Wie sehen denn Hunde aus, die rauswollen? Ich drehte meinen Kopf nach links zu Viktor. Er sah aus wie immer: Froschaugen, Falten, weiße Haare um den Mund und ein leicht debiler Ausdruck. Aber der Gute ist ja auch schon 11, da darf man so aussehen.

Dann betrachtete ich Wilma zu meiner Rechten. Hätte sie nicht Augen im Kopf, man wüsste nicht, wo vorne und wo hinten ist. Sie sah schon immer aus wie eine Presswurst auf vier Stummelbeinen. Eine süße Presswurst allerdings. Mit einem großen Herz. Sie war zwar alles andere als hochbegabt, aber sie war für einen da, wenn es einem mal nicht gut ging. Viktor sagte immer, sie hätte zwar keinen IQ, dafür aber umso mehr EQ. Ich gestehe, ich habe mich nie getraut zu fragen, was das ist. Dieses IQ und EQ. Schließlich wollte ich mich nicht blamieren. Aber ich finde, es klingt gut. So ein bisschen wie Barbecue. Und das ist definitiv etwas Gutes!

Aber zurück zu Sarah. Typisch Nicht-Hund-Besitzerin, dachte ich und sah sie an. Sarah war zwar lieb und nett, aber mehr eben auch nicht. Zumindest nicht, was das Deuten von Hundeblicken anging. Wir machen uns SORGEN!, kläffte ich.

»Guck. Die wollen raus«, sagte sie noch einmal und stand auf.

Na denn. Geht es halt raus, dachte ich und bewegte mich Richtung Fahrstuhltür. Dann zögerte ich. Josi hier alleine zu lassen, gefiel mir gar nicht. Also lief ich doch lieber noch mal zu ihr zurück und sprang auf ihren warmen Schoß.

»Ach Henri«, meinte sie nur und streichelte mir über den Rücken. Nicht wie sonst, mit kraulender Bewegung. Nein. Irgendwie lustlos und schlaff. Schrecklich. Wie … wie Geflügelpastete ohne Geflügel – oder so.

Leider musste ich feststellen, dass Josi recht hatte: Bernd war ein Arschloch. Er würdigte uns keines Blickes, als er ein paar Tage später plötzlich mit seinem Kumpel Kai in der Wohnung stand. Dabei hatten wir am allerwenigsten mit dem Ganzen – was auch immer es war – zu tun. WIR waren es doch, die am meisten unter der Situation litten! Wir waren schließlich jetzt Scheidungs-Hunde, wenn ich Josi richtig verstanden hatte. Sie wollte Bernd nämlich auf keinen Fall zurück. Sollte er doch den Rest seines Lebens mit seiner heimlichen Zweitfrau verbringen, hatte sie am Telefon zu Sarah gesagt. Da würde er schon sehen, was er davon hatte, wenn er mit einer Studentin zusammenlebte und sein schönes Leben würde selbst finanzieren müssen. »Jawohl!«, hatten wir im Kanon unterstützend gebellt.

Uns war es inzwischen auch fast schon lieber, er würde nicht mehr wiederkommen. Denn ganz ehrlich: So ein Streit zwischen zwei Menschen ist nichts für zarte Nerven. Da lob ich mir doch eine ordentliche Rauferei mit einem anderen Hund, auch wenn dabei die Fetzen fliegen. Da weiß man wenigstens, woran man ist. Aber so ein menschlicher Streit dagegen … Da weiß man eben nicht, woran man ist.

Bernd hingegen wusste nichts von dem Empfang, der in der Wohnung auf ihn wartete. Josi hatte es tatsächlich durchgezogen und ihn weder vorher am Telefon zur Rede gestellt noch irgendwie gewarnt. So löste sich seine Erholung – sofern er sich da unten in den Bergen oder im Bett oder wo auch immer er sich rumgetrieben hatte, erholen konnte – binnen Sekunden in Luft auf. Oder sagen wir mal: in eine Art Schockstarre. Denn er, der doch sonst so redegewandt war, sagte nichts. Er starrte nur mit aufgerissenen Augen Josi an. Kurz nachdem er durch die Fahrstuhltür in die Wohnung getreten war, hatte sie ihn mit einem giftigen Lächeln gebeten, den Haustürschlüssel auf das Sideboard zu legen und samt Koffer wieder im Fahrstuhl zu verschwinden. Ganz ruhig. Als hätte sie gesagt: »Bring doch bitte mal kurz den Müll runter.« Der Müll war in diesem Fall Bernd selbst. Das realisierte er nur noch nicht.

»Ach, und lass den BMW-Schlüssel auch hier. Der Wagen gehört ja nachweislich mir. So wie alles hier.« Sie warf ihre langen Haare, die er immer so an ihr geliebt hatte, in den Nacken und strich sie mit der Hand hinter die Ohren. Josi hatte das Loft einem Typen abgekauft, der hier eigentlich mit seiner Frau einziehen wollte. Dann kam es zur Scheidung, bevor es zum Umzug kam, und nachdem Josi das für ihn geregelt hatte, fragte er sie, ob sie nicht Interesse hätte. Also, an dem Loft, meine ich. Zum Freundschaftspreis. Das weiß ich noch so genau, weil sie das abends Sarah ganz aufgeregt erzählt hatte. Sozusagen als Dankeschön, weil sie ihn vor irgendwelchen Zahlungen gerettet hatte. Also nicht mit dem Rettungsring wie beim Segeln, sondern irgendwie anders. Keine Ahnung.

»Was ist denn in dich gefahren?«, fragte Bernd sichtlich irritiert, obwohl er es ja eigentlich wissen musste.

»In MICH ist nichts gefahren. Ich sollte lieber fragen, in was DU gefahren bist. Wobei ich es eigentlich auch gar nicht genauer wissen will.« Dann drehte sie sich um und griff nach einer kleinen Packung, die auf dem großen gläsernen Esstisch lag.

Und da tat sie es: Sie nahm eine Zigarette aus einer Packung und rauchte. Josephine Hartmann, unsere Rudelchefin, rauchte! Dabei war sie es doch, die sich bis vor Kurzem noch über diesen Gestank aufgeregt hatte. Ich konnte es nicht fassen!

»Sie macht Qualm!«, erkannte meine hochbegabte Mitbewohnerin.

»Das nennt man rauchen, Wilma«, erklärte ich.

»Dann muss es ihr wirklich schlecht gehen«, meinte Viktor.

»Kann man ja auch verstehen«, sagte ich und sah vorwurfsvoll zu Bernd.

»Warum?«, fragte Wilma, und ich spürte ihren fragenden Blick von links.

»Warum?! Weil Bernd sie betrogen hat!«, sagte ich kopfschüttelnd.

»Aber es gibt doch so viele Menschen. Sie kann sich einen anderen suchen«, erwiderte Wilma.

»Das ist bei Menschen anders.« Ich holte tief Luft. »Das verstehst du nicht. Das hat was mit Liebe zu tun.«

»Aber wir lieben sie doch auch!«

»Ja, klar, aber das ist eine andere Liebe. Die Menschen unterscheiden da irgendwie zwischen … zwischen der einen und der anderen Liebe. Die lieben ihre Eltern, ihren Partner, ihre Hunde, und all diese Lieben sind jeweils ganz unterschiedlich. Und dann gibt es eben noch eine weitere ganz andere Liebe für besonders schöne Kleidung, Handys und solche Sachen. Ich habe Bernd sogar mal gehört, wie er in der Tiefgarage zum BMW gesagt hat, er würde ihn lieben, während er ganz versonnen über das Lenkrad strich … irgendwie zärtlich. Das ist eben nicht so wie bei uns.«

»Er hat zu seinem Auto gesagt, dass er es liebt?!«, fragte Wilma ungläubig. »Dann wundert mich hier gar nichts mehr.«

»Es ist nicht SEIN Auto. Hast du doch eben gehört.«

»Dann eben IHR Auto. Noch schlimmer! Nun stell dir doch mal diesen Trennungsschmerz vor. Er liebt das Auto, und jetzt muss er es hierlassen und gehen. Das klingt alles ganz schön dramatisch … und kompliziert«, meinte Wilma.

»Ist es auch«, gab ich zu und widmete mich wieder dem eigentlichen Problem.

»Du rauchst?«, fragte Bernd entsetzt.

»Ja. Stell dir vor. Sozusagen die Zigarette danach. Nach der Ehe. Aber mach dir um meine Gesundheit keine Sorgen. Lieber um deine, wenn du nicht sofort verschwindest. Bevor ich mich völlig vergesse. Und überhaupt. Zum Thema Gesundheit. Ich möchte gar nicht wissen, womit du dich womöglich angesteckt hast. So wie ich dich kenne, hast du mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Gummi benutzt!«

»Wer braucht ein Gummi?!«, fragte Wilma, wackelte zu unserem Hundebett und kam mit ihrem Gummiknochen zurück, den sie mir vor die Füße legte. »Warum sollte er so etwas benutzt haben? Das macht doch keinen Sinn«, murmelte Wilma, und ausnahmsweise musste ich ihr wirklich recht geben.

»Warum weißt du …«, stotterte Bernd jetzt.

»Warum ich es weiß? Weil ICH nicht blöd bin.«

»Josi, ich kann … ich kann …«

»Nichts kannst du. Verschwinde einfach!«

Wilma, Viktor und ich saßen in einer Reihe nebeneinander zwischen Josi und Bernd auf dem Fliesenboden und drehten besorgt unsere Köpfe abwechselnd von links nach rechts. Links war es jetzt ruhig.

Im Gegensatz zu rechts. »Dass ausgerechnet mir so etwas passiert. Mir, der erfolgreichen Anwältin für Familienrecht mit Scheidungen von morgens bis abends! Ich könnte einen Lachanfall bekommen. Wenn es nicht so unfassbar … so unfassbar BESCHISSEN wäre!«, brüllte sie aus voller Kehle, und wir zuckten alle zusammen. Bernd inbegriffen.

»Ich … ich … weiß auch nicht, was mit mir los war. Ich wollte einfach nur mal … ganz normalen Sex haben.«

»Ach! Und mit mir hattest du den nicht, oder was? Was war denn bei uns nicht normal?!«

Bernd sah zu uns runter.

Hallo? Was wollte er denn damit sagen? Ich sah Viktor an, dann Wilma.

Jetzt schaute auch noch Josi zu uns runter. Nun war aber gut!

»Egal was wir machen, egal wo wir sind, egal wie wir … immer sind deine Hunde dabei. Meinst du, mir macht das Spaß, wenn hinter mir drei Hunde sitzen und glotzen, während ich dich …? Ich hätte lieber drei Kinder als drei Hunde. Aber das ist ja nicht neu, und da komme ich bei dir auch nicht weiter, wie wir alle wissen.«

»Mobbing!«, meinte Viktor.

»Bitte, was?«, fragte Wilma.

»Das nennt man Mobbing. In unserer Anwesenheit. Unfassbar!«, empörte sich Viktor, während Wilma ihn weiter begriffsstutzig ansah.

»Nee, das verstehe ich. Dann muss man sich natürlich ein junges Ding suchen, das halb so alt ist wie die eigene Frau, und es – wenn ich den Portier richtig verstanden habe – regelmäßig auf Kosten der eigenen Frau im Hotel durchnehmen! Seit Jahren triffst du die während deines so genannten Ski-Urlaubes da unten. Klar. Das versteht doch jeder! Mit der kannst du jetzt gerne deine drei Kinder zeugen, wenn es dir denn so wichtig ist! Sofern sie schon volljährig ist. Aber inzwischen dürfte sie das wohl sein.« Josi holte kurz tief Luft. Dann legte sie wieder los. »Bist du eigentlich noch ganz dicht?! Du hättest ja mal sagen können, dass dich meine Hunde beim Sex stören, dass du auf kurze dunkle Haare – wenn ich den Portier richtig verstanden habe – und nicht auf langes Rotblond stehst und es auch insgesamt gern etwas jünger magst. Hat die eigentlich einen Vater-Komplex? Ach, egal. Es wäre auf alle Fälle billiger gewesen, wenn du mal was gesagt hättest. Die Scheidung wird es jedenfalls nicht. Das kann ich dir versprechen. Und jetzt Tschüss! Das hier ist deine letzte Abfahrt, und die solltest du nehmen, sonst vergesse ich mich.«

»Das hätte doch auch nichts geändert, wenn ich etwas gesagt hätte, das weißt du ganz genau. Außerdem …«, fing Bernd an.

Aber Josi unterbrach ihn. »Tschüss!« Sie ging zur Glastür, die auf die Dachterrasse führte, öffnete sie und trat hinaus. Den Rücken zu uns gewandt sah sie in Richtung Hafen.

Kurzer Prozess, schoss es mir durch den Kopf. Das war ihre Stärke, wie sie immer betonte, wenn sie mit Mandanten sprach. Irgendwann hatte ich das mal aufgeschnappt.

»Josi … lass uns noch mal reden. Wir können doch …«, versuchte Bernd es verzweifelt.

»Wir? Es gibt kein Wir mehr. Mach’s gut!«, hörten wir Josi sagen. Mehr nicht.

Bernd sah wieder zu uns runter.

»Na, tolle Wurst«, sagte Wilma beleidigt. »Uns die Schuld dafür geben, dass er sein Ding nicht unter Kontrolle hat. Also echt! Das ist ja wohl das Letzte! Das Allerletzte!« Dann wackelte sie Josi hinterher auf die Dachterrasse.

Ich sah Viktor an.

»Wo sie recht hat, hat sie recht«, meinte er nur und verschwand auch.

Genau wie Bernd.

Josi war an diesem Tag jedenfalls noch nicht zurück, als Bernd etwas später ein letztes Mal in unsere Wohnung kam. Gott sei Dank. Sie wäre sicher nicht begeistert gewesen, ihn hier vorzufinden. Und damit das auch auf keinen Fall passierte, hatte sie Mercedes gebeten, ihn kurz reinzulassen und dafür zu sorgen, dass er bei Frau Winkel unten beim Bäcker den Schlüssel hinterlegt.

Bernd ging einfach an uns vorbei, als wären wir Luft, und packte lauter Zeugs zusammen. Sein Zeugs, wie schnell klar wurde. Das warf er in große Reisetaschen und Koffer und verschwand wieder. Mit den Koffern und mit seinem Kumpel Kai. Der musste ihm nämlich beim Tragen helfen. Wilma, Viktor und ich beobachteten das Ganze vom Sofa aus, auf dem wir es uns gemütlich gemacht hatten. Das Leder-Sofa hatte zwar fast den gleichen Ton wie unser Fell, aber das war noch lange kein Grund, uns zu übersehen und so zu tun, als gäbe es uns nicht. So eine Frechheit! Da waren wir uns alle drei einig. Wir waren zwar grundverschieden, aber sobald sich eine dunkle Wolke unserem klaren Hundehimmel näherte, hielten wir zusammen. Wie Dose und Öffner. Klar gab es auch mal Zoff, aber nie lange und nie richtig schlimm. Das würden wir gar nicht aushalten. Und in solchen Momenten wie diesen – die Gott sei Dank sehr selten waren – waren wir absolut einer Meinung.

»Das war doch jetzt wirklich eine Unverschämtheit«, meinte Viktor.

»Allerdings!«, bestätigte Wilma.

»Wer hat ihm denn in den letzten drei Jahren jeden Samstag die Zeitung ans Bett getragen? Und wer hatte ihm seine Pantoffeln zum Sofa geschleppt? ICH!«, schimpfte ich. »Und was bekomme ich dafür? NICHTS! Nicht mal einen Blick. Pah!«

»Wo will er hin? Was ist denn mit ihm?«, fragte Wilma und sah dabei zu, wie die Fahrstuhltür sich schloss.

»Was soll mit dem sein? Er ist nicht ganz dicht«, erklärte ich.

»Aber warum verreist er schon wieder? Er war doch gerade erst im Skiurlaub. Wo geht es denn jetzt hin?«

»Ins Studentenwohnheim«, meinte Viktor und räkelte sich auf dem Sofa. Ach Viktor, das mochte ich so an ihm. Er konnte so bissig sein, unser Seniorchef. Also, natürlich nicht wortwörtlich, da würde sein Kiefer nicht mitspielen, aber im übertragenen Sinn. Viktor hatte Humor und Witz. Ich sah ihn an und fragte mich, ob er so hämisch grinste, weil er an junge Studentinnen dachte oder weil Bernd sich heute Abend vermutlich von Knäckebrot ernähren würde und nicht von einem üppigen Drei-Gänge-Menü.

Die Abwesenheit von Liebe ist im Grunde unerträglich. Vor allem, wenn man ein Hund ist und das ganze Elend mit ansehen muss.

Geht’s dem Menschen schlecht, geht’s dem Hund auch schlecht. So einfach ist das. Wenn der Hund dann auch noch ein Mops ist, ist die Lage überdies dramatischer. Denn der Mops als solcher ist harmoniebedürftig und merkt sofort, wenn mit seiner Rudelführerin etwas nicht stimmt. Dann benimmt er sich auch gerne, als wäre er eine Wärmflasche auf vier Beinen und legt sich bei jeder Gelegenheit ungefragt irgendwo drauf – aufs Bein, den Bauch oder wo auch immer er eine Chance wittert. So viel zum Mops. So geht der Mops damit um. Wie die Menschen das allerdings handhaben, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Ich kann nur sagen: Ich verstehe sie nicht.

Solange wir in der Wohnung waren, weinte Josi sich die Augen aus dem Kopf und verbrauchte in einer halben Stunde mehr Taschentücher, als in den Mülleimer passten. Doch kaum waren wir vor der Tür, verwandelte sie sich in einen anderen Menschen! »Ja, alles bestens. Danke. Nein, kein Problem, ich genieße die neu gewonnene Freiheit. Klar. Erst einmal war es ein Schock, aber die Dinge haben ja immer zwei Seiten. Und mit etwas Abstand betrachtet ist es doch wirklich das Beste, was mir passieren konnte. Ja, danke, Ihnen auch. Bis bald! Tschüss«, flötete sie, sobald wir Freunde oder Bekannte trafen. Selbst beim Bäcker sagte sie, als sie den Schlüssel abholte: »Er hat sich neu orientiert.« Hallo? Was hieß denn hier neu orientiert? Er hatte seine Sachen gepackt und war gegangen. Und das, ohne uns noch ein einziges Mal zu streicheln. DAS war die ganze Wahrheit!

»Die Dinge haben zwei Seiten?«, fragte ich noch beim ersten Mal erstaunt. »Wenn hier etwas zwei Seiten hat, dann sie. Was ist denn nur mit ihr los? Eben hat sie noch so laut geschluchzt, dass ich dachte, ich schließe mich lieber im Bad ein!«

»Vielleicht liegt es an der Luft«, meinte Wilma, als diese komische Wandlung das erste Mal stattfand.

»Was?«

»Na, dass es ihr wieder etwas besser geht.«

Dass es nicht an der Luft lag, war klar, als wir wieder in der Wohnung waren. Sie weinte. Also nicht Wilma, ich meine natürlich Josi.

Und so ging es Tag um Tag.

Irgendwann wunderte ich mich nicht mehr über das, was sie außerhalb unserer Wohnung anderen Menschen über ihren Zustand erzählte. Zwei Seiten hin oder her, es war ausgemachter Blödsinn. Warum auch immer.

»Der 17-Uhr-Termin, Schmidt mit dt gegen Schmitt mit doppel T, hat abgesagt, Frau Hartmann«, erklärte Frau Wäldchen. Sie hatte ihren runden Kopf samt frischer Dauerwelle durch die Tür in Josis Büro gesteckt – was wir nur von hinten beobachten konnten, denn wir lagen unter Frau Wäldchens Schreibtisch. Obwohl es immer, wenn sie beim Friseur gewesen war, so penetrant nach irgendetwas Schrecklichem roch. Ein bisschen wie in der chemischen Reinigung, wo Josi immer ihre Blusen hinbrachte, fand ich. Aber Frau Wäldchen behauptete, sie wäre beim Friseur gewesen. Und es sah auch so aus.

Frau Wäldchens Frisur erinnerte ein bisschen an Charlize aus Paris: Die zickige Pudeldame unserer Nachbarin aus dem fünften Stock, die jedes Mal auf deren französischen Stammbaum hinwies.

Apropos Stammbaum. Frau Wäldchen war eher die stämmige Eiche als die schlanke Birke, an die man bei ihrem Namen dachte, aber eine grundgute Person. Sobald Josi nicht guckte, fütterte sie uns heimlich mit Hundekeksen. Oder mit Mandarinenstückchen. Ich liiiebe Mandarinenstückchen! Wilma leider auch und das zeigte sie dann gerne durch ihr schrilles Kläffen, was uns Heimlichnascher sofort entlarvte. Nun ja. So viel zu unserer Beziehung.

»Meine bessere Hälfte«, nannte Josi Frau Wäldchen immer aus Spaß, was ich zugegebenermaßen bis heute nicht verstanden habe. Aber man muss ja auch nicht alles verstehen. Wobei diese Bezeichnung, seit es Bernd nicht mehr gab, offenbar an Gewicht gewonnen hatte, denn Josi betonte es nun besonders. Auch wenn das Thema Gewicht ansonsten kein gutes war, jedenfalls nicht in Anwesenheit von Frau Wäldchen. Sie naschte noch lieber als wir. Und zwar nicht nur Mandarinenstückchen. Das hatte natürlich auch für uns sein Gutes.

Im Gegensatz zu dem verfrühten Feierabend, der Josi jetzt drohte.

Sie griff zum Telefon und wählte eine Nummer »Hi, Süße. Na, was machst du?« Stille. »Ach, das ist ja schön«, sagte sie ohne jegliche Spur Freude. »Ich? Ach, ich werde wohl gleich nach Hause gehen. Mal schauen …« Pause. »Nein, ach Quatsch. Du musst mich nicht mit zu einem Date nehmen. So schlimm ist es ja nun auch noch nicht. Aber wenn er nichts für dich ist, dann könntest du ihm meine Karte geben.« Jetzt lachte sie. Immerhin. »Nein, ich melde mich da ganz sicher nicht an.« Stille. »Na ja, eigentlich geht es mir ganz gut. Ehrlich. Zumindest solange ich genug zu tun habe. Das hat bisher hervorragend geklappt. In den letzten Wochen habe ich mich schön in die Arbeit gestürzt. Das war die einzige Möglichkeit, nicht nachzudenken.« Sie holte tief Luft. »Warum ausgerechnet mir so etwas passiert! Ausgerechnet mir, die ich tagtäglich die abenteuerlichsten Gründe für Scheidungen serviert bekomme. Ich müsste doch nach all den Jahren einen Blick dafür haben. Ein Gespür für das, was sonst keiner sehen will: das Betrogen-Werden. Dass also ausgerechnet ICH«, jetzt wurde sie lauter, »jetzt die Betrogene bin. Das macht mich«, sie zog die Nase hoch, »völlig fertig.« Stille. »Ja, du hast ja recht. Wird schon werden. Ja, danke. Ich melde mich wieder. Okay. Tschüss und viel Spaß! Ja, den werde ich auch haben.« Dann legte sie das Telefon zur Seite.

Viel Spaß?, dachte ich und betrachtete Josi, die nach allem Möglichen aussah, nur nicht nach viel Spaß. Sie hatte zwar inzwischen ein bisschen Futter zu sich genommen, aber von Spaß konnte hier noch lange keine Rede sein. Zumindest nicht der Spaß, den wir früher mit ihr hatten. Sie sah müde aus, erschöpft und traurig. Eine Mischung aus allem. Sie war einfach nicht mehr unsere Josi. Die, die wir kannten. Und sie roch in letzter Zeit so … Entschuldigung … belanglos. Früher hatte sie immer dieses Parfüm aus Rom benutzt, das Bernd ihr mal geschenkt hatte, oder das aus diesem hübschen Laden, wo es so stark durcheinanderroch, dass einem ganz schwindelig werden konnte. Aber seit Bernd weg war … nichts. Das Einzige, was ich noch wahrnahm, war ihr Duschgel. Aber auch das hatte heute Morgen schnell nachgelassen.

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Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.

Beitragsbild & Quelle: Heyne Verlag, via Julia Oellingrath