Unsere Reise mit Telmo – wir rasten

Unsere Reise mit Telmo – wir rasten

Auf jeder Reise gibt es Momente die zu einer Rast einladen. Auf unserer Reise mit Telmo ist so ein Moment gekommen. Als wir uns im letzten Jahr auf der Internetseite von Vera über ihre Trainingsmethoden informiert hatten, hatten wir dort gelesen, dass ihr eigener Hund Hawk, ein Dobermann, im Frühjahr gestorben war und sie inzwischen einen neuen Hund hatte.

Die Reise ist das Ziel

Ihr Ziel wäre es, mit ihm ein ebenso gutes Team zu werden, wie sie es mit Hawk gewesen wäre. Damals hatten wir spontan gesagt, ja, das ist auch unser Ziel, mit Telmo ein gutes Team werden. Inzwischen wissen wir, unser Ziel war zu diesem Zeitpunkt schon längst erreicht, wir hatten es genau am 06. April 2013 erreicht, an dem Tag als Telmo zu uns gekommen war. Heute wissen wir, die gemeinsame Reise mit ihm war und ist unser Ziel. Mehrfach sind wir schon gefragt worden, ob wir uns nochmal für Telmo, für einen Angsthund entscheiden würden und jedes Mal ist unsere Antwort ein klares „JA“. Wir sehen es als großes Glück an, dass es gerade Telmo war, der mit uns auf diese Reise gegangen ist.

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Bild & Quelle: Christoph Detmer

Warum gerade Telmo?

Bedingt durch seine Angst vor Allem und Jedem hatten wir uns von Anfang an besonders intensiv mit ihm, mit dem Thema Hund im Allgemeinen und dem Thema Kommunikation zwischen Hund und Mensch im Besonderen beschäftigt. Um einen Weg zu Telmo zu finden mussten wir lernen mit ihm zu kommunizieren, denn nur so war es möglich eine Bindung zwischen ihm und uns aufzubauen und ihm zu helfen, seine Ängste nach und nach abzubauen. Das meiste, was wir dabei gelernt haben ist uns inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen, alle Übungen die wir gelernt haben um die Bindung verstärken, machen wir noch regelmäßig, nicht unbedingt weil wir es für notwendig halten, sondern weil sie zu einem ganz normalen Bestandteil unseres und Telmos Alltag geworden sind. Auch haben wir durch ihn sehr viel für uns selbst gelernt. Wir sind geduldiger geworden, gelassener und können nach der Anspannung eines Arbeitstages sehr viel schneller zur Ruhe kommen als in der Zeit vor Telmo. Unsere Beobachtungsgabe hat sich gerade in Bezug auf Kleinigkeiten verbessert. Nicht nur bei Telmo, bei allen Hunden achten wir auf die Körpersprache, insbesondere dann, wenn sich Hunde begegnen.

Rudelverhalten und Revierkontrolle

Es ist faszinierend zu beobachten, um wieviel feiner, leiser und doch eindeutiger und klarer als Menschen sie miteinander kommunizieren. Dank Telmo sind wir auch neuen, interessanten und uns inzwischen lieb gewordenen Menschen begegnet, nicht zuletzt Ulli und Vera unseren Trainerinnen oder wir wir sagen, unseren Dolmetscherinnen denn sie haben uns beigebracht ihm zuzuhören wenn er auf seine Art mit uns spricht, sie haben uns beigebracht ihn zu verstehen und uns ihm verständlich zu machen. Eine weitere, jedenfalls aus unsere Sicht, positive Besonderheit, Telmo zeigt in vielen Situationen ein sehr ursprüngliches Verhalten. Obwohl er Menschen kennen gelernt hatte, war er in einem ausschließlich aus anderen Hunden bestehendem Rudel aufgewachsen, von anderen Hunden „erzogen“ und „geprägt“ worden. Für ihn zählt auch heute noch das Rudel in seiner Gesamtheit mehr als das einzelne Rudelmitglied. Gehen Antje oder ich alleine mit ihm spazieren, verhält er sich ganz anders als wenn wir alle zusammen unterwegs sind. Er ist dann viel aufmerksamer und wachsamer. Ein Spaziergang ist dann mehr eine „Revierkontrolle“ als ein ungezwungener Spaziergang. Sind wir zu Dritt unterwegs wird immer ganz deutlich, dass er die Führung uns überlässt und wesentlich entspannter die Umgebung erkundet, dabei aber dennoch ständig darauf achtet, sich nicht weit von uns zu entfernen und uns dann, wenn unsere eigenen Instinkte nicht reichen (siehe Wildschweine, letzte Folge), zu warnen oder auf etwas aufmerksam zu machen.

Ein lieber Hund

Auch zu Hause, Telmo kann auch über ein paar Stunden alleine bleiben, er hat noch nie randaliert oder aus Frust etwas kaputt gemacht und in der Regel gibt es auch keine Beschwerden in Form von Bell- oder Heul-Konzerten. Aber ist nur einer von uns zu Hause würde er am liebsten solange vor der Wohnungstüre liegen bleiben, bis das jeweils fehlende Rudelmitglied wieder da ist. Telmo gehorcht zwar sehr gut, trifft aber auch eigene Entscheidungen. Allen Besuchern steht er skeptisch gegenüber, lediglich meine 86-jährige Mutter konnte sich ihm von Anfang an nähern ohne das er ängstlich oder besonders wachsam reagiert hätte.

Telmo endlich daheim

Bildangaben: Bild & Quelle: Christoph Detmer

Bild & Quelle: Christoph Detmer

Besucher werden beäugt, alles wird beobachtet

Bekommen wir heute Besuch so machen wir es immer noch so, wie Vera es uns geraten hatte. Wir empfangen den Besucher an der Wohnungstüre und begrüßen ihn so das Telmo es sehen kann. Setzt sich der Besuch ist alles in Ordnung und Telmo liegt entspannt in seiner Kudde. Wird sich im Raum oder Garten bewegt, wechselt Telmos Blick aber ständig zwischen uns und dem Besucher hin und her und ergibt sich eine Situation in der wir dem Besuch den Rücken zukehren, kommt es vor, dass er plötzlich dicht neben oder hinter dem Besucher steht, ohne das es aber zum Körperkontakt kommt. Dabei bleibt er ganz ruhig, kein Bellen, kein Knurren, kein aufgestelltes Fell, lediglich seine Ohren sind gespitzt und er beobachtet die Situation genau. Oft haben wir gehört und gelesen, der Mensch soll dem Hund die Entscheidungen abnehmen. Dem wollen wir auch im Grundsatz nicht widersprechen. Trotzdem, wir wollten nie einen Hund der in absoluter Unterwerfung sklavisch darauf wartet die Erlaubnis zu bekommen sich bewegen zu dürfen.

Auf den Charakter kommt es an

Telmo darf und soll seinen Charakter, sein Wesen behalten, er soll und darf Hund mit den ihm eigenen Instinkten bleiben und dazu gehört es in unseren Augen auch, dass er in entsprechenden Situationen auch eine eigene Entscheidung trifft. Vor einiger Zeit bin ich, als Telmo ohne Leine gelaufen ist, gefragt worden, ob das mein Hund wäre.

Ist Telmo mein, bzw. Antjes und mein Hund? Nein, das ist er nicht. Wir haben zwar die Verantwortung für ihn übernommen, aber er ist in unseren Augen kein Besitz.

Telmo gehört sich selbst, wir haben ihn dazu eingeladen mit uns auf eine Reise zu gehen und er hat diese Einladung nach einer Zeit des Kennenlernens angenommen. Wir versuchen lediglich ihm ein Rudel zu bieten in dem es ihm gut geht, in dem er sicher und unbeschwert leben kann.

Telmo ist ein Geschenk

Vor ein paar Monaten hatte Antje einmal zu mir gesagt, Telmo wäre ein Gottesgeschenk. Dem kann ich mich nur anschließen. Vor einigen Tagen war ich wieder auf der Seite des Tierschutzvereins und was lese ich? Eine junge Hündin, auch ein Angsthund wie Telmo, ist von den Adoptanten zurückgegeben worden. Obwohl vorher selbstsicher das Gegenteil behauptet worden war, war man letztendlich mit ihrer Angst nicht klar gekommen. Genau wie damals bei Amelie haben Antje und ich uns gefragt, wie leicht oder schwer hat man sich diese Entscheidung gemacht:

hatte man wirklich versucht was möglich war, hatte man wenigstens einmal mit einem Hundetrainer gesprochen, sich Hilfe geholt? War man wirklich bereit gewesen, sich ganz auf den Hund einzulassen?

Ode an Telmo

Schon vor einiger Zeit haben wir gemerkt, das Thema Angsthunde lässt uns nicht los und wenn in Zukunft sowohl die entsprechenden räumlichen wie auch die zeitlichen Möglichkeiten bestehen, werden mehr Hunde wie Telmo bei uns einziehen, unsere Herz gehört ihnen. Irgendwann wird sich dieser Traum hoffentlich erfüllen, wir arbeiten daran. Telmo hat jedenfalls unser Leben verändert, er hat uns Momente geschenkt die wir nicht mehr missen wollen, wir sind stolz darauf sein Vertrauen bekommen zu haben. An diese Stelle passt vielleicht ein Text ganz gut, den Antje und ich vor einiger Zeit geschrieben haben.

Von einem Schrottplatz wurde ich gerettet,
auf eine lange Reise durfte ich gehen.

Den Weg wusste ich nicht, kannte auch nicht das Ziel,
hatte nur meine Angst als ständigen Begleiter.

Nicht alle meine Schwestern und Brüder durften mit
und an die denk ich auch heute noch traurig zurück.

Cairo und Thelma, Shia und Denver und all die, die ihr noch wartet,
auch für euch gibt es den Weg, auch ihr habt ein Ziel.

Viel hab ich erlebt unterwegs und auch sehr viel gelernt, dabei meine Ängste verloren,
heute wünsche ich euch das auch ihr so wie ich einmal sagt,

eine lange Reise hab ich gemacht, bin meinen Weg gegangen und habe das Ziel erreicht,
meine Menschen hab ich gefunden, bin jetzt endlich daheim.

(für alle Hunde die in den Tierheimen noch auf ihre Menschen warten)

In der nächsten Folge führt uns der Weg an die Nordsee.

Ein Gastbeitrag von Christoph Detmer

Alle Bilder & Quellen: Christoph Detmer

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