Rüpel im Morgengrauen

Rüpel im Morgengrauen

Wie ärgerlich

„Der Typ geht mir richtig auf die Nerven“, schnauft meine Frau als sie mit Horton von der morgendlichen Runde zurückkehrt. „Der kapiert es einfach nicht!“
Seit einiger Zeit hat meine Gattin eine Begegnung der dritten Art, wenn sie morgens mit dem Hund Gassi geht. Regelmäßig begegnet ihr ein übel gelaunter Hundehalter, der seinen mittelgroßen Rüden frei umherlaufen lässt und sich überhaupt nicht dafür interessiert, dass sein kläffendes Monster unseren verspielten und angeleinten Hund ernsthaft attackiert.
Mit erschreckender Regelmäßigkeit eskaliert die Situation vor Ort. Wenn meine Frau dann den anderen Rüden verscheucht, was unser Hund auch von ihr erwartet, wird dessen Halter ihr gegenüber -na sagen wir mal- etwas uncharmant. Vielleicht übertreibt meine Frau ein wenig, aber das was sie mir schildert klingt nach bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Alle Bitten den Hund anzuleinen blieben bisher ungehört.
Da muss was passieren. Ab jetzt ist das Chefsache! Für die wenigen, die es immer noch nicht kapiert haben sollten: Ich bin hier der Chef!

Alles hört auf mein Kommando

Das ist absolut keine Kritik an meiner Frau, aber mit etwas mehr Gelassenheit kann man so eine Situation doch leicht entschärfen. Unter vernünftigen, zivilisierten Mitteleuropäern wird man dann eine adäquate Lösung finden.

Als wandelnde UN-Schutzzone mache ich mich auf zu meiner Friedensmission. Mit einem Lächeln im Gesicht, das Ghandi sehr gefallen hätte, stolziere ich in Richtung Sonnenaufgang.

Meinem Hund scheint das auch zu gefallen, denn er tänzelte im Gleichschritt neben mir her. Schulter an Schulter als Deeskalationsstoßtrupp. Chefsache eben.

Plötzlich erblicke ich im Morgengrauen das Grauen am Morgen. Geschätzte 115 Kg bebrillte pure Ablehnung gehüllt in ein mausgraues Buchhalteroutfit. Wenn man um diese Uhrzeit schon das Gesicht zur Faust geballt hat, ist da wohl noch etwas Restfrust vom Vortag übrig.

Kennt ihr diese Typen, die noch wochenlang mies drauf sind, nur weil sie auf der Autobahn versehentlich einmal rüber auf die rechte Spur gefahren sind? Typen, die ihre Büroklammern abzählen und überall behaupten, dass Deutschland nur mit Glück und durch Zufall Weltmeister geworden ist? Typen, die ihre Mutter verklagen, um schon zu Lebzeiten ihren Pflichtteil des Erbes zu bekommen und die den ganzen Zaster dann für schlechte Zeiten sparen? Wie sehen bei solchen Kreaturen eigentlich schlechte Zeiten aus? Beängstigende Vorstellung.
Vor mir steht jetzt der neue Prototyp der schlechten Laune. Und die Entwickler haben an nichts gespart.

Meine Waffe ist das Wort

Mit meinem entwaffnenden Charme werfe ich ein wohlig warmes und schmeichelndes „Guten Morgen“ über die Demarkationslinie, was allerdings von seinem Frühwarnsystem erkannt und umgehend zerstört wird.
„Was?“, grunzt er mir entgegen.
Dieses Grunzen ruft seinen Rüden auf den Plan, der unvermittelt aus dem Nebel auftaucht und wie der Hund von Baskerville über meinen angeleinten Kumpel herfällt.
Hilfesuchend schaue ich den Sprödling an und bitte ihn seinen Hund zurückzurufen.
„Warum?“, grunzt der Einwortsatzmann zurück.
Die Zeit für Erklärungen wird langsam knapp und ich regle die Sache jetzt direkt mit seinem Hund. Sein kurzes erschrecktes Jaulen zeigt mir, dass er mich besser versteht, als sein Herrchen.
Jetzt ist es an der Zeit mein geschultes rhetorisches Geschick unter Beweis zu stellen. Ich bin wahrscheinlich der Einzige, der tatsächlich mit den Zeugen Jehovas an der Tür redet, bis sie verzweifelt davon rennen. Ich weiß, aber die haben angefangen!
In Erwartung eines fruchtbaren Dialoges schaue ich den Hunde-Grinch lächelnd an.
„Was?“, grunzt er erneut.
In einem epischen Monolog bitte ich den Unsympathen wiederholt darum, seinen Hund in solchen Situationen doch bitte anzuleinen oder wenigsten auf irgendeine Weise unter Kontrolle zu bringen. Aus Gründen der Fairness referiere ich noch einen Augenblick über Ethik im Alltag und die moralische Werteordnung. Ich will meinem Kontrahenten dadurch die Zeit geben, sich eine vernünftige Entschuldigung zu überlegen, die ich nun selbstsicher erwarte.

Er starrt mich kurz durch seine toten Augen an und blafft: „Hat Deine Alte dich geschickt, Du Kasper?“

Let’s get loud

Okay, zu viel ist zu viel! Bei mir gibt es einen kleinen versteckten Schalter, der den Angriffsmodus aktiviert. Er hat ihn zielsicher gefunden. Da Batman heute einen dringenden Fußpflegetermin hat, bin ich auf mich allein gestellt.
Mein Hund macht vor Verwirrung Sitz und Platz gleichzeitig, so hat er mich noch nie gehört. Der Hund des frisch geföhnten Aggressors liegt starr vor Schreck regungslos neben meinem.

Schreien, ohne dass sich die Stimme überschlägt, habe ich damals beim Bund gelernt. Hätte nie gedacht, dass ich das in Friedenszeiten mal sinnvoll einsetzen kann. Es geht wirklich zur Sache, aber die Grundausrichtung bleibt dennoch pazifistisch.

Plötzlich öffnet sich die Tür des Wohnhauses, vor dem unser kleines Tête-à-Tête stattfindet, und Wolfgang kommt mit schnellen Schritten auf uns zu. Mit Wolfgang hatte ich lange in einer Band gespielt, was er aus zeitlichen Gründen als viel beschäftigter Bauunternehmer leider nicht dauerhaft fortführen konnte. Sehr schade.
„Was ist denn hier los? Habt ihr Streit?“, fragt Wolfgang besorgt.

„Tut mir leid Chef, es gab hier wohl ein kleines Missverständnis“, murmelt der Eisschrank unterwürfig und nimmt dabei seinen Hund an die Leine.

„Chef?“, frage ich irritiert.
„Ja“, sagt Wolfgang. „Walter ist der Buchhalter in meinem Bauunternehmen“.
„Ach!“, schmunzle ich mit blitzenden Augen. Also doch Chefsache! Diesen Geschmack auf meiner Zunge kann ich zuerst nicht richtig einordnen, aber Moment … doch, so schmeckt der Sieg.
„Mensch Axel, wir müssen unbedingt mal wieder Musik zusammen machen“, jauchzt Wolfgang und drückt mich herzlich. Dabei schiele ich zu dem übellaunigen Brocken hinüber, aus dem jetzt ein braver Bückling geworden war. Er weicht meinem Blick aus und verabschiedet sich höflich mit einem vollständigen Satz. Erstaunlich.

„Na, wie ist es gelaufen?“

fragt mich meine Frau ganz aufgeregt nach meiner Rückkehr.
„Na ja, ich habe es dir ja vorher gesagt. Mit etwas mehr Gelassenheit und Souveränität kann man so eine Situation leicht entschärfen“, philosophiere ich mit diesem überheblichen, fast oberlehrerhaften Unterton, den meine Frau so sehr mag.
Ihr Blick verrät mir, dass sie mich -wie immer- beim Schwindeln ertappt hat, aber sie ist souverän genug, um das nicht an die große Glocke zu hängen.

Mit ihr teile ich den Chefsessel in unserem Familienunternehmen gerne.
Während wir noch über die vorangegangene Situation diskutierten, schläft Horton bereits friedlich. So aufregend war es dann vielleicht doch nicht.

Hund Horton liegt im Hundebett

Bild & Quelle: Axel Löwenstein

Ein Kolumne von Axel Löwenstein

Mehr von Axel gibt es auch hier: www.denkfalle.de

Ausserdem von Axel Löwenstein bei Issn‘ Rüde! erschienen:

Beitragsbild & Quelle: MB-Fotografie, pixabay, creative commons public domain

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